Noch immer bin ich in Wien. Gestern war ich im »Stöckl im Park«, heute auf der anderen Seite des Belvedere, nämlich im »Huber’s« im Rennweg. Und weil es heute Abend für mich gern etwas leichter sein durfte als gestern, orderte ich mir das nach dem Haus benannte Sandwich. Doch der Reihe nach.
Das Ambiente
Wenn du ins »Huber’s« eintrittst, findest du dich in einer ziemlich modernen und glatten Welt wieder. Der Boden ist hell gefliest, eine riesige Theke dominiert den Raum. Große Glasscheiben lassen viel Licht in den recht kleinen Gastraum. (Im ersten Stock gibt es noch einmal Platz für 40 weitere Personen). Das Flair des Ladens ist auf ganz andere Weise ähnlich wie im »Stöckl« gestern – formal dürften die Einrichtungselemente überhaupt nicht zusammenpassen, und trotzdem kam ich nicht umhin, mich sofort wohlzufühlen.
Wir wurden an zwei zusammengerückte, recht kleine quadratische Tische gewiesen, die in der Ecke platziert waren. Die Tische hatten ein zentrales Tischbein mit einem schweren Fuß, was uns dabei half, unsere Beine gut sortieren zu können. Denn an jeder der geschätzt unter einem Quadratmeter kleinen Tischplatten mussten drei Personen mit insgesamt sechs unteren Extremitäten sitzen.
Wir saßen in der dunklen Ecke ohne Fenster. (Keine Sorge – es war hell genug.) An den beiden Wänden im Eck waren Holzbänke installiert. Ich trollte mich ans Tischende und quetschte mich auf diese Bank. Mit mir mussten auch noch meine Schwiegereltern leiden, wie sich im Laufe des Abends noch herausstellen sollte. Denn die Bänke waren alles andere als gemütlich. Darüber konnten auch die vielen riesigen Deko-Kissen nicht hinwegtäuschen, die, wo immer möglich, verteilt lagen und keinerlei praktischen Nutzwert hatten. Sie waren einfach viel zu riesig, um sie sich in den Rücken stopfen zu können.
Immerhin: Mein Sohn, meine Schwägerin und meine Frau hatten sehr bequeme Sessel mit wunderbar anzufassenden Stoffbezügen erwischt, in denen sie entspannt sitzen konnten.
Im Hintergrund plätscherte die ganze Zeit ruhige, chillige Bar-Musik – nichts Aufdringliches, nichts, was einem auf den Zwirn gehen könnte. Und damit das genaue Gegenteil dessen, was hier gerade an der Hotelbar läuft, wo ich sitze, um diese Zeilen zu schreiben. (Das ist nämlich der einzige Ort im Hotel, an dem das Wi-Fi stabil und schnell ist.) Aus den Lautsprechern dröhnt hier unangenehm und laut primitiv zusammengekloppte Stampfmusik, die nicht so recht zu wissen scheint, ob sie Schlager oder doch Techno sein will. Ich danke jedenfalls an dieser Stelle allen 3.000 Gottheiten der Menschheitsgeschichte für die Erfindung der AirPods Pro mit ihrer recht ordentlichen Lärmunterdrückung. (Allerdings könnte sich mal eine dieser Gottheiten darum kümmern, dass wirklich gar nichts mehr durchdringt.)
Aber ich schweife ab – zurück zum »Huber’s«.
Auch heute war es wieder sehr warm in Wien. Mit nur 25 °C zwar immerhin etwa zehn Grad kühler als gestern, dafür aber erheblich drückender. Das »Huber’s« hatte den Kampf dagegen erstaunlich erfolgreich mit nur zwei Dyson-Turmventilatoren aufgenommen. Denn der Gastraum war überraschenderweise angenehm kühl. Mehrfach habe ich mich umgeschaut, ob nicht doch irgendwo eine Klimaanlage versteckt war, aber konnte keine entdecken. Allerdings hatte meine Schwägerin den Luftstrom genau in ihrem Rücken – und das fand sie gar nicht so toll. »Hat irre gezogen«, sagte sie mir.
Mein besonderes Interesse weckte eine Vitrine, in der gut und gern drei Dutzend Flaschen mit honiggoldener Flüssigkeit verweilten. »Whisky!« dachte ich erfreut und stromerte zur Vitrine hinüber, um die Flaschen näher in Augenschein zu nehmen. Aber nein, kein Whisky. Bloß Bourbon, also amerikanischer Whiskey (mit »e«). Mit dem kann ich persönlich einfach nichts anfangen. Klar, es mag viele Bourbons geben, die objektiv betrachtet hervorragend sind.
Ich habe mal bei der vermutlich besten Whiskybar in Hannover, dem Oscar’s, an einem Bourbon-Tasting teilgenommen. Da waren schon wirklich exklusive Flaschen dabei. Ich erinnere mich an einen »Blanton’s Straight from the Barrel«, von dem die Flasche in Europa nur sehr selten unter 300 Euro zu haben ist, und auch der Rest der sechs Pours war hochwertig und -preisig. Und dennoch: Meinen Geschmack treffen Bourbons allesamt nicht. Sie sind mir im Wesentlichen zu süß, zu flach und zu langweilig. Selbst die, die von Kritikern hochgelobt werden. Ich bleibe darum bei den Iren (die haben übrigens auch ein »e« im Whiskey und zudem die ganze Sache auch erfunden), vor allem aber bei den Schotten. Meine bevorzugten Whiskys stammen allesamt von der Isle of Islay und knüppeln dir ein Stück rauchenden Torf in den Schlund, sobald du einen Schluck davon nimmst.
Aber ich schweife schon wieder ab. Darum geht’s hier gar nicht! Ich will doch das »SANDWICH Huber’s« besprechen!
Der Service
Erinnert ihr euch noch an die frühen 2000er, als plötzlich die Hipster-Bewegung ausbrach? Als sich wie aus dem Nichts normale Leute tätowieren ließen, was zuvor ausschließlich Seeleuten, Knastbrüdern, Rockergang-Mitgliedern und Punks vorbehalten zu sein schien? Als Männer sich wieder trauten, Vollbärte zu tragen? Lange, prachtvolle Vollbärte, die sie unfassbar gut pflegten? Und die im Kontrast zum sonstigen (scheinbaren!) Mir-doch-egal-wie-ich-rumlaufe-Outfit standen? Diese Typen mit den Hornbrillen, Second-Hand-Flanellhemden, Röhrenjeans und Hosenträgern? Die plötzlich wieder die Schiebermützen aus den 1930ern trugen?
Die erste Generation dieser Hipster ist jetzt zwischen 40 und 50, und einem davon gehört dieser Laden. Sein gepflegter Bart ist mittlerweile schlohweiß, die Tattoos am Arm hat er nicht weglasern lassen, und die Schiebermütze sitzt noch immer.
Zusammen mit einer Dame bediente er uns. Beide waren freundlich, professionell, aufmerksam, zurückhaltend. Allerdings blieben die schon gedeckten, aber bis zum Ende ungenutzten Wassergläser auf den relativ kleinen Tischen stehen und wurden nicht abgeräumt. Das hat den Platz dann doch ganz schön eingeschränkt.
Die Bestellung
Ich erwähnte es schon: Ich bestellte das »SANDWICH Huber’s«, weil ich gern etwas Leichteres als tags zuvor haben wollte. In der Karte war das so beschrieben: »Toastbrot mit Hühnerbrust, Tomate und Spiegelei an Blattsalat«, das Ganze für 16,20 Euro. Auch meine Schwägerin und meine Schwiegermutter wählten dieses Gericht, während mein Sohn und mein Schwiegervater das Wiener Schnitzel (mit Petersilkartoffeln statt mit Kartoffelsalat) orderten und meine Frau sich für einen Blattsalat mit Prosciutto und Melonen entschied.
Gruß aus der Küche
Plötzlich stand da diese Espressotasse vor uns. Darin eine grüne, schaumige Flüssigkeit: der Gruß aus der Küche (Grüße gehen zurück!).
Es handelte sich dabei um eine cremig pürierte Erbsensuppe mit Minze. Mein Sohn löffelte die Tasse in Nullkommanix leer, was ich mit einiger Verwunderung zur Kenntnis nahm, denn er hasst Erbsen. Überhaupt hasst er alles, was irgendwie gesund sein könnte. Teenager-Allüren halt. Was ich sagen will: Dieses Süppchen war richtig, richtig lecker.
So lecker, dass ich viel zu spät begriffen habe, dass ich vielleicht mal ein Foto davon machen sollte. Darum hier nur eines mit einer halb leeren Tasse. Sorry.
Hier gibt es zum Einstieg in den Abend gleich mal die Schulnote 1 von mir!
Erbsen-Minz-Suppe in einer Espressotasse
Überraschung! Noch eine Vorspeise!
Kurz darauf stand ein Korb mit ein paar Scheiben Weiß- und Graubrot auf dem Tisch, dazu eine längliche Porzellanschale mit kleinen Butterkügelchen und eine weitere Schale mit vielleicht 20 Oliven und einem knappen Dutzend Kapernäpfeln.
Kapernäpfel und Oliven in einer Porzellanschüssel
Überraschung! Noch ein Gruß aus der Küche! Dachten wir zumindest erst. Stimmte aber nicht. Aber darauf komme ich nachher noch. Was hatte nun diese kleine Überraschung kulinarisch auf dem Kasten?
Das Graubrot war ganz okay, für meine zugegebenermaßen verwöhnten norddeutschen Standards aber war es nichts Außergewöhnliches. Denn in der Region Hannover, wo ich herkomme, gibt es schließlich das Gersterbrot. Für mich ist das die Königin aller Graubrote, an dem sich der Rest zu messen hat. Dieses hier war auf einer Skala von 1 (frisches Gerster vom Handwerksbäcker) bis 6 (geschnittenes Industriegraubrot aus dem Discounter) eine solide 3+. Das Weißbrot kann ich nicht beurteilen – ich habe es nicht probiert.
Die Butter wurde uns in Kügelchen präsentiert und erwies sich als in einer perfekt streichfähigen Temperatur. Ich hatte das Gefühl, dass sie ganz leicht gesalzen war, aber das kann täuschen, weil ich direkt zuvor in einen Kapernapfel gebissen hatte. Ich liebe Kapernäpfel (und Kapern!), bekomme aber leider viel zu selten die Gelegenheit zu diesem Genuss, weil weder meine Frau noch mein Sohn Kapernäpfel oder Kapern mögen und sich beides daher nicht in unserer Küche findet.
Kapernäpfel sind die Früchte des Echten Kapernstrauchs, während Kapern dessen noch geschlossenen Blütenknospen sind. Der Hauptunterschied zwischen beiden liegt also im Entwicklungsstadium und Erntezeitpunkt.
Lässt man die Blütenknospen der Kaper am Strauch, entwickeln sich daraus nach der Blüte die Kapernäpfel (regional auch Kapernbeeren genannt). Sie sind deutlich größer und fester als Kapern, enthalten viele kleine Samen und werden ebenfalls eingelegt angeboten – wenn ihr sie denn finden könnt. In normalen Supermärkten gibt es sie eigentlich nur, wenn ein mediterranes Spezialitätenregal vorhanden ist.
Nach der Ernte werden sie einer Salzreifung unterzogen, dann gründlich gewaschen und anschließend in mildem Essig oder Olivenöl eingelegt. Danach sind sie außen knackig, innen buttrig und schmecken ausgewogen herb-säuerlich.
Ich mag Kapernäpfel normalerweise gern, die hier fand ich allerdings jetzt nicht so geil. Ihr Aroma war eben nicht ausgewogen, sondern ziemlich überwältigend und seltsam. Sie waren viel zu salzig, gleichzeitig aber auch unangenehm sauer. Mein Schwiegervater, der das erste Mal einen Kapernapfel aß, fand: »Schmeckt wie eine eingelegte Salzgurke.« Und damit kam er ziemlich nahe dran, finde ich. Er mag eingelegte Salzgurken, und so wanderten die Kapernäpfel einer nach dem anderen in seinen Bauch. Ich hatte nach dem Zweiten schon genug, weil der genauso schlecht war wie der Erste.
Kapernäpfel sind eigentlich eine Delikatesse. Diese hier waren es nicht, sondern mit Abstand die schlechtesten Kapernäpfel, die ich je gegessen habe.
Aber die Oliven, die waren richtig toll. Zart, fleischig, intensives und doch zurückhaltendes Oliven-Aroma, das mich an die Sorte Kalamon erinnerte, die aus der griechischen Region Messenien stammt (und oft unter dem Namen der darin liegenden Stadt Kalamata vermarktet wird). Das hier waren aber keine Kalama-Oliven – dafür waren sie zu klein, zu rund, zu hell. Egal: Sie waren wirklich lecker. Ich bekam kaum welche ab, weil mein Schwiegervater sich fast alle unter den Nagel gerissen hatte. Nachdem mein Schwiegervater von »Gurke« sprach, hat meine Frau mal ausnahmsweise einen Kapernapfel probiert. Dass sie die nicht gut fand, hat mich jetzt nicht so überrascht. Aber die Oliven fand sie auch sehr gut.
Nichts von beidem – weder Kapernäpfel noch Oliven – haben meine Schwägerin, meine Schwiegermutter und mein Sohn angerührt. Die mögen das nämlich alle nicht. und das Weißbrot lag am Ende auch noch unangetastet im Korb.
Was gebe ich da an Schulnoten? Die Butter nehme ich mal aus der Wertung raus – war halt streichfähige Butter.
Graubrot: 3+ (wenn ihr mir gut zuredet, mache ich eine 2- draus)
Kapernäpfel: 5
Oliven: 1
Das SANDWICH Huber’s
Dann kam mein »SANDWICH Huber’s«. Wir erinnern uns, was im Menü stand: »Toastbrot mit Hühnerbrust, Tomate und Spiegelei an Blattsalat«. Ich möchte das SANDWICH jetzt zunächst völlig wertfrei und möglichst objektiv beschreiben:
unten: eine trockene Scheibe ungetoastetes Toastbrot.
darauf: drei Scheiben Tomaten.
darauf: ein Hühnerbrustfilet im Butterfly-Schnitt, hell gebraten.
darauf: eine trockene Scheibe ungetoastetes Toastbrot.
darauf: ein Spiegelei.
darüber gesprenkelt: geschnittener Schnittlauch.
daneben: geschnittener grüner Blattsalat.
Damit endet die wertfreie, objektive Beschreibung. Jetzt kommt die Bewertung. Beginnen wir beim Salat.
Der begleitende Salat
Es handelte sich um einen stinknormalen grünen Salat. Der war in ungleichmäßig große und kleine Stückchen geschnitten und mit einem Essig-Öl-Dressing angemacht, das so unsäglich langweilig war, dass es mir schier die Sprache verschlagen hat. Der ganze Salat war labberig und schmeckte nach nichts, außer ein bisschen nach dem Essig im Dressing. Und dann raunte mir meine Schwägerin auch noch zu: »Ist der von gestern? Der ist so braun.«
Dieser Salat hatte das Niveau jener uninspirierten Beilage, die als Entschuldigung für verspätete Lieferung in durchsichtigen Plastikschälchen verpackt in derselben Warmhaltebox zusammen mit der heißen Pizza vom Lieferservice kommt. Allerdings hatte »Huber’s« ein schlechteres Dressing. Kurz: Der Salat vom »Huber’s« war nichts anderes als wirklich, wirklich mies.
Das Sandwich selbst
Es ist kaum zu glauben, aber das nach dem Haus selbst benannte »SANDWICH Huber’s« griff tatsächlich schlicht und ergreifend auf simpelstes, ungeröstetes Toastbrot direkt aus der Tüte zurück. Die Tomaten hatten die unterste Scheibe schon vollständig durchgesuppt, als das Gericht vor mir stand, weil wirklich nichts anderes als die im Menü aufgezählten Bestandteile im Sandwich enthalten war – kein Salatblatt, keine Soße, nichts.
Das machte das Huhn zur Hauptattraktion. Und das muss dann auch liefern.
Hühnerbrust ist immer eine Gefahr. Wir wissen ja alle, dass Hühnerbrust kulinarisch betrachtet nicht gerade das beste Stück vom Huhn ist – es hat keinen besonderen Eigengeschmack (wie etwa die dunklen Teile des Huhns) und es tendiert wegen des geringen Fettgehalts dazu, beim Braten sehr schnell trocken zu werden – besonders dann, wenn es im Butterfly-Schnitt halbiert wurde.
Und das erwies sich hier leider als zutreffend. Das Huhn war trocken und dröge. Und weil die Küche anscheinend vollständig auf Gewürze verzichtet, war es zudem auch noch richtig fade. Ja, das ließe sich natürlich mit den Salz- und Pfeffermühlen auf dem Tisch nachsteuern – aber eine Grundwürze sollte doch schon zu erahnen sein.
Kein bisschen Raffinesse war an diesem lieblosen Stapel von Allerweltslebensmitteln zu erkennen. Es fehlten die Röstaromen, der Crunch, der Pepp von ein paar Umdrehungen der Pfeffermühle, ein paar Salzkristalle. Es war tatsächlich ausschließlich das im Gericht, was auf der Karte stand: Toastbrot, Tomate, Hühnerbrust.
Bis hierher war das »SANDWICH Huber’s« eine reine Enttäuschung.
Aber das Spiegelei war perfekt. Unten war es schön kross gebraten, und die Konsistenz des Eigelbs war sowohl für jene geeignet, die es lieber flüssig mögen, als auch für jene, die es durchgegart bevorzugen, denn der Dotter war nicht mehr richtig flüssig, aber auch noch nicht ganz fest. Und der Schnittlauch harmonierte ausgezeichnet – wie immer mit Eiern. Überraschenderweise stand der gar nicht in der Beschreibung des Sandwiches.
Aber rekapitulieren wir mal: Auf dem ganzen Teller war lediglich das Spiegelei gut. Alles andere nicht. Für 8 Euro hätte ich gesagt: Okay, macht immerhin satt. Aber dieser Teller kostete eben 16,20 Euro, nicht 8 Euro. Das Preis-Leistungs-Verhältnis dieses Sandwichs ist absolut daneben.
Dieses »SANDWICH Huber’s« ist eine reine Enttäuschung. Wäre das Spiegelei nicht gewesen, hätte der ganze Teller von mir eine glatte Schulnote 6 bekommen. So rettet es sich mit Ach und Krach gerade noch so auf eine 5.
Aber doof wie man ist, ist man ja höflich. Man sagt nichts. Man lässt das bestellte Gericht nicht zurückgehen. Man isst brav auf. Man nickt freundlich, wenn man gefragt wird, ob alles recht sei.
Dann bin ich halt auch selbst schuld.
Wem von euch es nur darum geht, wie mir das Essen gefallen hat, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen. Aber dann kam die Rechnung. Und mit der habe ich eine Rechnung offen.
Die überraschende Rechnung
Auf der Rechnung tauchte ein Posten auf, der mich leicht irritierte: ein Abendgedeck. Sechsmal. Zu je vier Euro. Was sollte das denn sein? Ich schaute schnell online in die Speisekarte des »Huber’s«. Und fand bei sehr genauem Hinsehen mit viel Gepinche und Hineingezoome:
Screenshot des Abendgedecks, der überraschenden Vorspeise
Was soll das heißen, ihr könnt das nicht lesen? Ist euch das etwa zu klein? Zu unleserlich? Genau! Uns auch. Bezahlen mussten wir es aber trotzdem.
Damit ihr nicht an eurer Sehkraft zweifelt, übertrage ich das mal in eine lesbare Schriftart und -größe:
Abendgedeck Wir verrechnen fürs Gedeck (Stoffserviette*Felzl-Brot*Butter*Antipasti) € 4,00
Was bitte?
Wir sollen VIER EURO für eine Stoffserviette auf einem blanken Holztisch bezahlen? PRO PERSON?
VIER EURO PRO PERSON für ein paar Scheiben Brot und Butter?
VIER EURO PRO PERSON für ein paar Oliven und Kapernäpfel, die drei von uns niemals bestellt hätten?
VIER EURO – PRO PERSON???
VIER EURO für geradezu profane Snacks, die wir nicht bestellt hätten? Und für eine dämliche Stoffserviette auf einem blanken Holztisch?
VIER EURO für eine Wahl, die den Gästen des »Huber’s« gar nicht zugestanden wird, weil das Abendgedeck zwangsweise zum Teil der Bestellung wird?
Und ja – das galt wirklich pro Person, nicht für den ganzen Tisch.
Mich hat das richtig geärgert.
Wieso haben sechs Leute den auf beinahe jeder Seite der Speisekarte zu findenden Hinweis auf das zwangsweise Abendgedeck nicht bewusst wahrgenommen?
Ja, der Hinweis steht wirklich auf fast jeder Seite. Ich habe nachgeguckt. Trotzdem ist er außerhalb der Wahrnehmung. Im Englischen gibt es dafür den Begriff »hiding in plain sight«, dessen Bedeutung sich nicht gut ins Deutsche übertragen lässt (»sich deutlich sichtbar verstecken«). Jedenfalls riecht das stark nach Dark Pattern (auch »Deceptive Design« oder »Deceptive Patterns« genannt), also bewusst manipulativer Gestaltung, die Leute dazu bringt, Entscheidungen zu treffen, die nicht in ihrem Interesse liegen – etwa das Akzeptieren nachteiliger Bedingungen. Besonders häufig ist dieses Getrickse mittlerweile in Softwares und Apps anzutreffen, aber ist bei unseriösen Marketing-Menschen seit Jahrzehnten gängige Praxis.
Ich war 20 Jahre lang Grafikdesigner. Und darum habe ich mir das Design der ganzen Karte noch einmal ganz genau angeschaut. Hier die Salate-Karte, die beispielhaft für alle anderen Seiten mit dem Hinweis auf das Abendgedeck steht (abgerufen am 4. Juli 2025):
Die Salate-Seite aus der Huber’s-Speisekarte, Stand: 4. Juli 2025
Exkurs in die Typografie – weil es sein muss
Die Schriftart, die das »Huber’s« für seine Speisekarte nutzt, ist die »Papyrus«. Sie ist insgesamt typografisch eine ganz, ganz schlimme Wahl – nicht nur auf Speisekarten, sondern für alle Situationen des Lebens. Es ist eine Schrift, die niemand einsetzen und die am besten gar nicht existieren sollte. Sie ist nämlich in jeder Hinsicht furchtbar.
Problem Mikrotypografie
Das gravierendste Problem der Papyrus liegt in den katastrophalen Kerning-Tabellen. Kerning meint die Feinabstimmung der Buchstabenabstände zwischen spezifischen Zeichenpaaren. Der Font enthält praktisch keine funktionierenden Kerning-Paare, was bedeutet, dass alle 2.704 möglichen Kombinationen zwischen Groß- und Kleinbuchstaben manuell von dem:der Grafikdesigner:in korrigiert werden müssten. Was natürlich niemand tut. Was die Lesbarkeit beeinträchtigt.
Die ungleichmäßigen Strichstärken und irregulären Rundungen der Buchstaben in der Schrift führen zudem zu einem unruhigen Leseerlebnis. Diese Eigenschaften, die eine handgeschriebene Ästhetik simulieren sollen, zerstören die typografische Konsistenz, die aber für die Lesbarkeit erforderlich ist. Die ausgefransten Kanten und unregelmäßigen Konturen verstärken diese Problematik zusätzlich.
Ein weiteres fundamentales Defizit der Schrift liegt im Fehlen einer vollständigen Schriftfamilie. Die Papyrus bietet keine echten Fett- oder Kursiv-Varianten, was die Gestaltung von typografischen Hierarchien unmöglich macht. Manche Programme, vor allem Office-Anwendungen, die nicht als Design-Produkt gedacht sind, erlauben digitale Schrägstellungen und digitale Fettungen, die die Lesbarkeit weiter einschränken. Hier werden genau diese digitalen Verzerrungen genutzt.
In kleinen Schriftgrößen wird die Papyrus zum typografischen Albtraum. Während die Schrift bei großen Größen noch halbwegs funktioniert, verliert sie bei Schriftgrößen unter 12 Punkt jegliche Lesbarkeit. Denn die Binnenräume der Buchstaben (Fachvokabel: Punzen) sind bei der Papyrus zu eng gestaltet. Das führt dann dazu, dass Buchstaben wie a, c, e und s bei kleineren Schriftgrößen absaufen und unlesbar werden. Außerdem verschmelzen die unregelmäßigen Konturen bei kleinen Schriftgraden zu einem unleserlichen Chaos, das besonders bei schlechten Lichtverhältnissen problematisch wird.
Die mangelnde Unterscheidbarkeit ähnlicher Zeichen verschärft die Lesbarkeitsprobleme. Während professionelle Schriftarten klare Unterschiede zwischen 0 und O, I und l sowie rn und m aufweisen, verschwimmen diese Unterschiede bei der Papyrus durch die »künstlerische« Gestaltung.
Problem Makrotypografie
Die inkonsistenten Ober- und Unterlängen der Papyrus führen zu einem gestörten Zeilenrhythmus. Der Grauwert des Schriftbildes wird durch die seltsamen Strichstärken ungleichmäßig, was zu optischen Störungen im Textfluss führt. Professionelle Typografie erfordert einen gleichmäßigen Grauwert für ermüdungsfreies Lesen.
Die digitale Umsetzung der 1982 von Chris Costello ursprünglich mal handgezeichneten Schrift führt außerdem zu Skalierungsproblemen. Die Proportionen der Buchstaben funktionieren nur in einem sehr begrenzten Größenbereich. Bei größeren Schriftgrößen wirken die Unregelmäßigkeiten übertrieben, bei kleineren verschwinden wichtige Details.
Die Papyrus ist ein mikro- und makrotypografischer Totalschaden. Die fundamentalen Kerning-Probleme, die mangelnde Skalierbarkeit und die fehlende Schriftfamilie machen sie für jede professionelle Anwendung völlig unbrauchbar.
Insbesondere trifft das dort zu, wo Menschen unterschiedlichen Alters mit unterschiedlichen Sehstärken bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen einem in der Papyrus gesetzten Text wichtige Informationen entnehmen sollen, die ihre Finanzen betreffen.
Bei Speisekarten zum Beispiel.
In meiner Zeit als selbstständiger Grafikdesigner zwischen 2007 und 2015 habe ich insgesamt vier Kunden aus der Gastronomie jahrelang betreut. Darum weiß ich, dass der wichtigste Aspekt der Speisekarten-Typografie die bestmögliche Lesbarkeit bei allen Lichtverhältnissen ist. Die Faustregel lautet: »Je schummriger das Licht, desto leichter muss die Speisekarte zu lesen sein«. Die unregelmäßigen Konturen und die ausgefransten Kanten der Papyrus erschweren das Lesen erheblich und sind in keinem Fall geeignet.
Nun nutzt das »Huber’s« ja bei allen Gerichten zwar die Papyrus, aber immerhin in recht große Schriftgröße. Sprich: Die Gerichte sind noch einigermaßen lesbar. Die Preise hingegen sind schon arg klein gehalten, ebenso die Hinweise auf die Allergene.
Und auch diese beiden Zeilen zum Abendgedeck sind verdächtig klein.
Dazu kommt die satztechnische Katastrophe in der Klammer – »Stoffserviette*Felzl-Brot*Butter*Antipasti«. Ohne Leerzeichen verschmilzt all das zu einem völlig unlesbaren Brei.
Die ganze typografische Gestaltung des Abendgedeck-Hinweises ist ein ziemlich deutlicher Hinweis auf ein Dark Pattern. In diesem Fall nutzt die visuelle Verschleierung der Zusatzkosten die typografischen Schwächen der gewählten Schriftart als Werkzeug der Kundenmanipulation.
Im Kern werden hier gezielt menschliche Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster ausgenutzt, um eine Entscheidung herbeizuführen, die der Gast bei vollständiger Information vermutlich nicht getroffen hätte.
So funktioniert der Trick:
Versteckte Information: Die Gebühr wird auf der Speisekarte so unauffällig, klein oder schlecht lesbar platziert, dass sie von den meisten Gästen beim Lesen übersehen, als normaler Teil des Angebots oder als ergänzende Informationen zum Menü (wie etwa der Allergen-Liste) wahrgenommen wird.
Fehlende Wahlmöglichkeit: Der Gast wird nicht aktiv gefragt, ob er das Abendgedeck überhaupt möchte, sondern es wird automatisch geliefert und berechnet – ohne explizite Zustimmung.
Fait-accompli-Prinzip: Mit der Rechnung werden die Gäste mit der Gebühr konfrontiert. Zu diesem Zeitpunkt ist die Leistung (hier das Gedeck) bereits erbracht und konsumiert, und ein Widerspruch erscheint den Gästen sozial unangenehm oder »zu spät«.
Widerstandsminimierung: Viele Menschen vermeiden Konflikte oder Diskussionen über kleine Beträge, insbesondere in sozialen Situationen wie einem Restaurantbesuch. Die Hürde, nachträglich zu reklamieren, ist hoch.
Warum ist das manipulativ?
Es wird gezielt darauf gesetzt, dass die Gäste die Zusatzkosten nicht bemerken und sich später nicht mehr dagegen wehren.
Die Information ist zwar formal vorhanden, aber so gestaltet, dass sie in der Praxis wirkungslos bleibt.
Die Gäste werden in eine Situation gebracht, in der sie sich ohne echte Zustimmung mit einer zusätzlichen Zahlung abfinden müssen.
Diese kalkulierte Akzeptanz ist deshalb manipulativ, weil sie auf Intransparenz und sozialem Druck basiert. Sie nimmt den Gästen die Möglichkeit einer informierten Entscheidung und nutzt typische menschliche Verhaltensweisen gezielt zum Vorteil des Restaurants aus.
Ich musste nur ganz kurz recherchieren, um auf die Schnelle etliche Hinweise zu finden, dass das alles vollkommen illegal ist. In der Preisangabenverordnung (PAngV), im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) und sogar dem Strafgesetzbuch (StGB) gibt es einschlägige Abschnitte.
Aber eben nur, wenn »Huber’s« in Deutschland säße.
Tut »Huber’s« aber nicht.
»Huber’s« sitzt in Österreich. Da der Abendgedeck-Hinweis formal auf der Speisekarte steht, erfüllt das Restaurant die Anforderungen des österreichishen Rechts, konkret § 6 Abs. 1 PrAG. Die unlesbare Schrift und manipulative Darstellung verstoßen hier ganz offenbar nicht gegen die für normale Gastgewerbebetriebe geltenden österreichischen Bestimmungen.
Meine Learnings aus diesem Desaster
Ich habe im Rahmen dieses Artikels gelernt, dass es in gehobenen Restaurants in Österreich eine versteckte Zwangsleistung geben kann (übrigens ist das »Huber’s« kein gehobenes Restaurant. Das wäre es aber wohl gern). Zwar wird die Zwangsleistung formal korrekt in den Speisekarte ausgezeichnet, aber oftmals exakt so, dass der Zwang von uninformierten Auswärtigen gar nicht erkannt werden kann. Ja, genau: Dass das »Huber’s« auf Dark Pattern setzt, ist kein Einzelfall in der Alpenrepublik.
Wenn ihr nach ähnlichen Erlebnissen googelt, stoßt ihr sehr schnell auf den Fall einer Frau, die im Lokal »Bierführer« in Goldegg im Salzburger Land zu Gast war. Beim »Bierführer« war das Gedeck ebenfalls in aller Öffentlichkeit versteckt, nämlich so, dass es einem normalen Gericht auf der Speisekarte aussieht (damals noch unter allen anderen Speisen, heute oben drüber). Aber nirgendwo steht, dass das Gedeck eine Kaufverpflichtung darstellt:
Der obere Teil der Speisekarte vom »Bierführer«, abgerufen am 5. Juli 2025
Die Begründung, mit der österreichische Gastronom:innen die Existenz eines derartigen Zwangspostens rechtfertigen, ist geradezu haarsträubend. Konfrontiert mit der Kritik der Gästin am versteckten Posten des Gedecks im »Bierführer« zitiert der Münchener Merkur den Sprecher der Restaurant-Gruppe, zu der auch der »Bierführer« gehört:
»Dieser Posten kommt durch die Kosten für die Tischdecken, die Stoff- Mundservietten, das ofenfrische Brot, die zwei verschiedenen Aufstriche und den lokalen Karreespeck zustande. Und natürlich die Kosten für die Mitarbeiter, die waschen, bügeln, das Brot backen, die Aufstriche zubereiten und dergleichen.« – Andreas Pointner
Ähm – hat da jemand womöglich die Basics der Produktpreisgestaltung nicht verstanden? Oder können wir vielleicht demnächst dann noch damit rechnen, dass wir in österreichischen Restaurants unter dem Begriff »Raumkultur« für die Reinigung von Tischplatte, Fußboden und der Toiletten zu 2 Euro pro Nase zur Kasse gebeten werden?
Ja, es mag in Österreich gang und gäbe sein, dass Gastwirt:innen ihre Gäste über den Tisch ziehen und die sich das auch noch gefallen lassen. Andere Länder, andere Sitten halt. Das hindert mich persönlich, der mit dem jahrhundertealten hanseatischen Prinzip des ehrlichen Kaufmanns aufgewachsen ist, jedoch nicht daran, Restaurants mit in die Karte hineingeschweinigelten verdeckten Zwangsgebühren als kackdreist, unlauter, ehrlos und absolut unseriös zu empfinden.
Oder um es mal in Landessprache loszuwerden: »I hätt ned glaubt, dass de österreichischen Wirt’ mi so hintergeh’n.«
In diesem Fall, dem »Huber’s«, passte die Schweinigelei sehr gut ins Bild.
»Wien, nur Wien, du kennst mich up, kennst mich down«, so sang Falco in »Vienna Calling«. Genau so geht es mir jedes Mal, wenn ich in der Stadt an der Donau bin. Denn jedes Mal, wenn ich in der Stadt an der Donau bin, fühle ich mich nicht nur kulturell, sondern auch kulinarisch rundherum verstanden.
Heute war ich mit meiner Familie bei 36 °C Außentemperatur im »Stöckl im Park«. Der Besuch war nur eine Notlösung, denn der Laden, bei dem wir eigentlich reserviert hatten, war überraschenderweise geschlossen. Ein handgeschriebener Zettel an der Tür ließ uns etwas ratlos zurück. Denn wir hatten Hunger, und es war gerade 18:45 Uhr, also überall Hochbetrieb in den Restaurants. Und wir waren mit sechs Personen unterwegs – die kriegt nicht jeder Laden mal eben unangekündigt unter.
Das »Stöckl« lag nur ein paar Hundert Meter von unserem eigentlichen Restaurant entfernt. Normalerweise hätte ich das gar nicht angesteuert, denn die Bewertungen zum Essen und zum Service sind ziemlich durchwachsen, besonders, wenn man nicht nur auf einer Bewertungsplattform schaut. Viele Gäste loben das freundliche Personal, das schöne Ambiente und die Qualität mancher Gerichte. Andererseits gibt es aber auch die exakt gegenteiligen Rezensionen: harsche Kritik an einzelnen Speisen, die teilweise als lieblos zubereitet oder nur aufgewärmt empfunden werden, an der Lautstärke und am Preis-Leistungs-Verhältnis. Und der Service wird für meinen Geschmack viel zu häufig als viel zu lausig beschrieben.
Aber es war einfach nichts anderes in der Nähe, das mal eben spontan Platz für sechs Personen bot. Es half also nichts – notgedrungen mussten wir hinein.
Das Ambiente
Das »Stöckl im Park« ist eine Brauerei und Gaststätte im 3. Wiener Bezirk, gelegen im Schwarzenberggarten an der Prinz-Eugen-Straße. Es verfügt nicht nur über einen Gastraum (vielleicht sind es sogar mehrere, das habe ich in der Eile nicht richtig sehen können), sondern vor allem auch über einen weitläufigen, sehr schönen Biergarten mit laut Website 4.000 Quadratmetern Fläche und schattigen Bäumen. Den haben wir aber wegen der drückenden Hitze gar nicht in Betracht gezogen – wir haben stattdessen im kühlen Souterrain Platz genommen.
Die Einrichtung dieses Souterrains war modern und zweckmäßig, aber doch mehr oder weniger rustikal-gemütlich – eine seltsame Mischung, die ich auch jetzt in der Nachbetrachtung nicht richtig greifen kann, die aber irgendwie doch stimmig zusammenpasst. Wir saßen auf erstaunlich bequemen Sitzbänken an zwei aneinander geschobenen quadratischen Holztischen ohne Tischdecken oder anderen Schnickschnack. Bonus bei dieser Platzierung: Die Getränketheke war in unmittelbarer Nähe, das gezapfte Kaltgetränk kam perlend frisch an den Tisch.
Der Service
Wir wurden von Christian bedient, einem dauerlächelnder Mann irgendwo in seinen 20ern, 30ern oder 40ern (absolut unmöglich zu sagen), der uns sofort gutherzig duzte, obwohl viel, viel, VIEL ältere Personen am Tisch waren. Seine Augen blitzten, seine Stimme war warm, und seinen Wiener Dialekt hatte er klar unter Kontrolle. Für mich als Norddeutscher war nicht einmal auszumachen, ob er überhaupt wirklich herumwienern könnte – er sprach nämlich so bemüht Deutsch mit uns doofen Piefkes, dass er am Ende, als es um den Nachtisch ging, grundsätzlich nur von »Sahne« sprach, obwohl doch jede:r weiß, dass das hierzulande »Obers« heißt.
Aber ich ahne, warum der Service in den Bewertungen so widersprüchlich bewertet wird. Denn für viele meiner ach-so-zartbesaiteten Landsleute kommt alles Österreichische irgendwie »grantelnd« daher. Insbesondere der Wiener Dialekt wird pauschal als »arrogant«, »überheblich« und »pikiert« empfunden, so als blicke das ganze hochkulturelle Wien naserümpfend auf die primitiven Piefkes aus dem Flachland herab. Wenn man aber so empfindet und dann auch noch mir-nichts-dir-nichts einfach so von einer in der sozialen Hackordnung weeeeeeeeit unter einem stehenden Servicekraft ungefragt geduzt wird, dann wird der Service halt als schlecht wahrgenommen. Weil man ihn als schlecht wahrnehmen will, nicht weil er schlecht ist.
Zurück zu unserem Service: Wir fanden ihn nicht schlecht. Nein, ganz und gar nicht. Der Laden brummte, Christian und seine Kolleg:innen hatten alle Hände voll zu tun, und trotzdem war das ganze Personal immer mit einem Lächeln da, standen unsere Getränke schnell auf dem Tisch, und auch das Essen ließ nicht lange auf sich warten.
Die Bestellung
Apropos Essen.
Mein Sohn, meine Frau und meine Schwägerin bestellten sich das Wiener Schnitzel, meine Schwiegermutter das Biergulasch vom Weiderind und mein Schwiegervater den Zwiebelrostbraten, auch vom Weiderind. Dazu werde ich hier aber nichts sagen, obwohl ich überall mal genascht habe. (Nur eins: Der Kartoffelsalat, der zum Wiener Schnitzel kommt, war phänomenal.)
Ich orderte den Schweinsbraten mit Bierkraut, Grammeln und Serviettenknödel für einen Preis von 19,90 Euro. Dazu nahm ich einen halben Liter Wiener Helles 1924 mit einer Stammwürze von 12,2° und 4,90 % Umdrehungen zu 5,40 Euro.
Was diese Grammeln sind, wusste ich nicht. Aber ich bin ja schließlich in Österreich, um meinen Horizont zu erweitern, statt aus lauter Angst vor Neuem schon wieder zu Kentucky Mc King zu rennen.
Als die Gerichte dann nach einiger, aber nicht zu langer Zeit kamen, sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen.
Vor mir stand eine Pfanne mit 24 cm Durchmesser, randvoll mit Fleisch, Kraut, Knödeln und Soße. Für die Gesundheit gab’s auch noch ein wenig gehackte Petersilie obendrauf. Ach ja, und irgendwo waren auch noch diese Grammeln. Oder war »Grammeln« womöglich österreichisch für gehackte Petersilie? Ich konnte nicht nachschauen, denn im Souterrain hatte ich keinen Empfang.
Der Duft, der der Pfanne entströmte, war ziemlich verführerisch. Das musste ich sofort probieren!
Die Soße
Der erste Bissen, und sofort war die Soße da.
Viel zu oft wird in der Gastronomie eine hauptsächlich salzige Bratensoße aus der Tüte serviert. Bäh.
Aber diese hier?
Klar, das Salz war auch hier mit dabei, ja, aber sie war eben auch irgendwie anders. Ein Hauch von Bitternoten wie aus Schwarzen Johannisbeeren, eine zarte, leichte fruchtige Süße, gleichzeitig noch umami – diese Bratensoße war eine wahre Geschmacksexplosion. Sie war wunderbar. Sie war komplex, und das ist ein Attribut, das ich in meinem ganzen Leben wohl noch nicht im Zusammenhang mit einer Bratensoße benutzt habe.
Heute muss ich es benutzen. Diese Bratensoße war komplex, sie knallte, sie schmeckte fantastisch. Ich liebe diese Soße!
Wenn nun aber schon die Bratensoße so gut ist, wie wird das wohl bei den anderen Komponenten sein? Beim Bierkraut? Beim Schweinsbraten? Bei den Serviettenknödeln? Und bei diesen mysteriösen Grammeln?
Das Bierkraut
Anders als Sauerkraut wird Bierkraut nicht fermentiert, sondern der geschnittene Kohl wird mit (meist hellem) Bier, angeschwitzten Zwiebeln und Gewürzen geschmort, je länger, desto besser. Manchmal ist noch Speck dabei oder anderes Fleisch, das dann für eine besondere Note sorgt. Bierkraut ist eine tolle Beilage für alle möglichen Gerichte. Außerdem ist es super für gewisse rumpubertierende Familienmitglieder, denen die Säure von Sauerkraut aufstößt. Denn Bierkraut ist viel milder.
Ich kenne Bierkraut so, dass es als eigenständige Komponente auf dem Teller angerichtet liegt. Daneben finden sich dann Knödel (Fleisch ist optional), und dazu gibt es dann einen Klecks Soße – in der Regel viel zu wenig für die häufig recht trockenen Knödel.
Über zu wenig Soße konnte ich mich beim Schweinsbraten im »Stöckl im Park« auf jeden Fall nicht beschweren – denn hier war das Gericht nicht auf einem Teller angerichtet.
Sondern in einer Pfanne.
Eine Pfanne, die randvoll mit Soße war. So randvoll, dass das Bierkraut sich damit vollgesogen hatte. Es war mir vollkommen unmöglich, das Kraut als solches zu schmecken.
Wäre das ein Sauerkraut gewesen, hätte es sich wenigstens durch seine säuerliche Note von der Soße abgehoben. Aber mildes Bierkraut? Das ordnete sich der Dominanz der Soße leider gänzlich unter und fügte für mich lediglich eine sensorische Wahrnehmung hinzu, nämlich in Form von weicher Masse.
Und das ist schade, denn wenn ich ausschließlich nach der Sensorik gehe, scheint mir das ein hervorragendes Bierkraut gewesen zu sein. »Weiche Masse« klingt eklig, aber hier ist das eigentlich ein Qualitätsmerkmal. Superweiches Kraut ist ein Zeichen dafür, dass es sehr lange geschmort wurde – das ist ein Aufwand, der im eiligen Hopplahopp von Gastronomieküchen nur selten durchgeführt wird, weil Aufwand nämlich teuer ist.
Ich würde das Kraut echt mal gerne direkt aus dem Topf probieren. Denn ich vermute, dass es für sich genommen dieselbe hohe Güte wie die Soße hat. Jammerschade, dass diese Qualität im wahrsten Sinne des Wortes in einer Pfanne untergehen muss.
Der Schweinsbraten
Insgesamt wurden mir drei großzügige Scheiben Schweinsbraten serviert. Das Fleisch war wunderbar zart – ich hätte es mit einem Löffel zerteilen können. Nirgends, wo ich einen Schweinebraten gegessen habe, habe ich bisher eine derartige Zartheit erlebt. Häufig ist das Fleisch dröge und trocken – hier nicht. Es schmolz mir förmlich im Mund. Ganz offenbar kauft das »Stöckl im Park« für seinen Schweinsbraten ein richtig hochwertiges Stück Fleisch ein, das dann mit viel Können schonend über einen längeren Zeitraum zubereitet wird. Wie schon beim Bierkraut: Je länger es geschmort wird, desto zarter wird es. Hier denkt also jemand mit. Hier möchte jemand hervorragend gegarte Produkte servieren.
Aber dann kommt die Pfanne.
Und in dieser Pfanne wird der Braten in einer Soße ersäuft. Eine fantastische Soße. Aber ersäuft ist ersäuft.
Es war ein Elend. Wie schon zuvor beim Bierkraut – ich hatte keinerlei Chance, den Braten an sich zu genießen. Alles schmeckte bloß schon wieder nach dieser fulminanten Soße. Das Fleisch fügte dem Ganzen lediglich ein weiteres Mundgefühl hinzu.
Der Serviettenknödel
Ich kann es nicht oft genug wiederholen, wie toll die Soße war. Ich meine das wirklich. Natürlich waren auch die Serviettenknödel tief in diese Soße getaucht. Entsprechend schmeckten sie auch ausschließlich danach. Aber das hat mich hier mal ausnahmsweise nicht gestört.
Okay, jetzt, wo ihr Stangenei kennt, kommen wir zum Serviettenknödel zurück. Denn als ich von diesen Scheiben aß, sprang mir alles Negative in den Kopf, was ich mit Stangenei assoziiere. Irgendwie wabbelig, industriell, unschön, auch ein bisschen unappetitlich.
Ausgerechnet.
Denn ich hatte mich wegen des Knödels für dieses Gericht entschieden.
Normalerweise ist Schweinebraten ja nicht so toll zart wie dieser, sondern dröge und trocken. Normalerweise hätte ich mich darum für den Zwiebelrostbraten entschieden, den mein Schwiegervater nun mit großem Appetit verschmauste und der fantastisch aussah. Aber ich liebe nun mal Semmelknödel, Serviettenknödel, Speckknödel und all diese süddeutschen und österreichischen Herrlichkeiten, und bei uns im Norden kriege ich die nirgends. Darum war der Serviettenknödel für mich ausschlaggebend für meine Bestellung.
Und dann diese Enttäuschung. Das konnte dann auch die phänomenale Soße nicht retten.
Die Grammeln
Lasst euch noch einmal kurz daran erinnern, dass ich keinen Plan hatte, was »Grammeln« sind. Mangels Internetempfang konnte ich auch nicht vor Ort nachschauen. Meinte das vielleicht tatsächlich die Petersilie?
Nun: nein.
Grammeln haben nichts mit Petersilie zu tun. Die gute, alte Petersilie heißt auf Österreichisch übrigens »Petersil« und ist überraschenderweise männlichen Geschlechts, also »der Petersil«. Da klappt dem Gastronator aus dem dialektfreien Hochdeutschland doch vor lauter regionaler Besonderheit glatt das Kinn in die leckere Bratensoße.
Dieses sprachliche Zuckerl konnte ich jetzt, wo ich im Hotel sitze und diesen Text schreibe, im Internet in Erfahrung bringen.
Und bei der gleichen Gelegenheit habe ich mal nach »Grammeln« geschaut. Aha! Da wo ich herkomme, sind das »Grieben«. Sie entstehen, wenn roher Schweinespeck in kleine Würfel geschnitten und gaaaaaanz langsam erhitzt wird, sodass das Fett ausläuft und nur die knusprigen Rückstände übrig bleiben. (Und wie die knuspern!)
Diese Grammeln waren als eine Art Topping über das ganze Gericht gestreut, so wie Croutons über einen überteuerten Salat. Sie knusperten unwirklich gut, und das, obwohl sie die ganze Zeit über in der Soße lagen und eigentlich hätten weich werden müssen. Das ist doch schon wieder ein Zeichen einer exzellenten Küche.
Die Grammeln retteten tatsächlich die ganze Pfanne. Denn immer mal wieder, wenn ich eine Gabel voll mit irgendwas nahm, überraschte mich die Knusprizität eines kleinen Speckwürfels, der sich irgendwo reingemogelt hatte – in das Kraut oder auf ein Stück Fleisch, und mit ein paar Grammeln wurden sogar die Knödel erträglich.
Die schiere Menge und ein Fazit
Die Masse an Nahrung, die vor mir in dieser Pfanne lag, hat mich komplett überwältigt. Drei Stück Fleisch, eine recht großzügige Portion Kraut und die Serviettenknödel als Sättigungskomponente, dazu die reichhaltige Soße und auch noch die Grammeln – etwas mehr als zwei Drittel der Portion habe ich geschafft, dann musste ich aufgeben. (Ich gebe aber mal vorsichtshalber dem gehackten Petersil die Schuld dafür, dass ich nicht aufessen konnte.) Der Preis für den Schweinsbraten liegt bei 19,90 Euro – das Preisleistungsverhältnis ist, bezogen auf die Portionsgröße, der Hammer.
Aber lieber wäre mir offen gesagt eine kleinere Portion mit klarer definierten Komponenten, die ich dann auch differenziert schmecken und separat genießen kann.
Liebes »Stöckl im Park«, ich glaube, dass ich diesem Gericht heute Abend eine Schulnote 2 (mit Fleißbienchen!) hätte geben können, wenn ihr es mir einfach auf einem Teller serviert hättet, statt es in dieser unfassbar leckeren Soße zu ersaufen. Rustikaler Schick solcher Pfannenpräsentationen hin und her, aber wenn alles einheitlich nach Soße schmeckt, ganz egal, wie gut sie ist, bleibt die Gaumenfreude echt auf der Strecke. Und das ist schade. Denn wie ich oben mehrfach angemerkt habe – ich konnte es fühlen, wie gut ihr in Wahrheit kochen könnt.
Naja, bis auf den Knödel. Bei dem ist irgendwas furchtbar schiefgegangen.
So komme ich für dieses Gericht leider, leider nur auf eine 4 (immerhin auch mit Fleißbienchen).
Das gute Ende kommt zum Schluss
Natürlich gab’s noch einen Nachtisch. Ein Eis (mit Schlagsahne? WTF, Christian! Wir sind hier doch nicht in Hochdeutschland!) für den Sohn, die Schwägerin und den Schwiegervater, ein Kleiner Brauner für mich.
Ein Kleiner Brauner, wie er in Wien serviert wird.
Ein Kleiner Brauner ist eine klassische Wiener Kaffeespezialität.
Er besteht aus einem Mokka (in Österreich versteht man darunter einen dem Espresso nicht unähnlichen Kaffee, der aber mit längerer Extraktionszeit und geringerem Druck als ein echter italienischer Espresso zubereitet wird) und wird mit einem Schuss Milch oder auch Schlagobers serviert (also Sahne – für all jene, die es noch immer nicht kapiert haben. Looking at you, Christian!). Der Name »Brauner« leitet sich übrigens von der Färbung ab, die der Kaffee durch die Milch oder den Schlagobers erhält.
Die Milch (oder der Obers) wird üblicherweise in einem kleinen Kännchen dazu gereicht, damit man die gewünschte Menge selbst hinzufügen kann, so natürlich auch im »Stöckl«. Ich habe, gierig wie ich nun mal bin, die komplette Milch hineingegeben. Sie war heiß und ein bisschen aufgeschäumt.
Und so kam ich zum besten Kaffee, den ich seit Langem getrunken habe.
Ein versöhnliches Ende also im »Stöckl« für mich.
Mit diesem Bericht habe ich diesen Blog nach 13 langen Jahren reaktiviert. Unglaublich.
Von außen ist der Laden unscheinbar: Er duckt sich niedrig in eine Kurve der Nenndorfer Straße in Hannover-Empelde. Außer Pizza verspricht die Beschilderung zudem, dass es sich um ein Eiscafé handele.
Der exklusive Schnitzelclub, dem ich sehr zum Bedauern meiner Personenwaage angehöre, war gestern im Steakhaus Kampe im Hannoverschen Stadtteil Bothfeld.
Vorab gab es frisches, noch warmes Mischbrot mit dazu gereichtem Schmalz, einer Art – möglicherweise selbst hergestelltem – Ketchup ungarischer Art sowie einem grünen, sehr frisch schmeckenden und sehr leckeren Dip. Anschließend gab es einen kleinen, gemischten Salat.
Als mein Schnitzel kam, war ich visuell ziemlich enttäuscht – neben dem Schnitzel, das teilweise unter der Sambalsauce verborgen lag und dessen ansonsten knusprige Panade darunter absoff, lagen zwei einsame Palmherzen und ein paar armselige Kroketten auf dem Teller. Keine Deko, die die Speise wenigstens ein wenig optisch aufwerten würde – nicht mal eine Tomatenspalte oder ein Salatblatt.
Immerhin – das Schnitzel schmeckte sehr gut. Es war butterzart und in einer Art Butterschmalz gebraten, da, wo die Panade nicht von der ebenfalls leckeren (und gar nicht so teuflisch scharfen) Diavolo-Sauce aufgeweicht worden war, war sie annähernd perfekt gebraten (nur ein bisschen zu fest).
Auf die Palmherzen hätte ich gerne auch verzichtet, wenn das mit 11,50 Euro doch recht teure Gericht dann einen Euro günstiger geworden wäre. Und Kroketten sind halt Kroketten. Wer’s mag – bitteschön. Ich hatte das bei der Bestellung nicht wahrgenommen, sonst hätte ich lieber Pommes frites, Bratkartoffeln (mit 1,50 Euro Aufpreis!) oder schlicht Brot dazu genommen.
Fazit: Leckeres Schnitzel und viel vorneweg. Bei den Beilagen kann Kampe noch verbessern und die Preise nochmals prüfen. Insgesamt empfinde ich das Gericht als zu teuer.
Schnitzel gibt es im Steakhaus Kampe nur mittwochs.
Und plötzlich liegt man im Krankenhaus und lässt sich den Blinddarm entfernen. Das eröffnet unerwartet neue Perspektiven, was Essen angeht.
Ich liege im Clementinenhaus in Hannover und bekomme Schonkost, konkret: Alaskaseelachs mit Kartoffelbrei und Möhren. So war es angekündigt. Ich bekam das hier:
Nicht euer Ernst!? Püriert und in Form gepresst?? Ihr habt mir den Blinddarm entfernt, nicht die Zähne! (Oder? Moment, ich gucke kurz im Spiegel nach … nö, Zähne noch da.)
Wider Erwarten schmeckte dieses Assortissement an Nahrung im Astronautenschick jedoch erstaunlich gut, wenn man mal vom geringen Kauwert absieht. Ich will mich also überhaupt nicht über das Krankenhausessen hier im Clementinenhaus beschweren. Im Gegenteil. Aber ich freue mich darauf, dass es ab heute Abend für mich wieder was zu beißen gibt, nicht nur was zu lutschen.
Man kommt rein in den Asia-Imbiss. Auf den ersten Blick nicht anders als andere – offene Küche, in der zwei vertikal herausgeforderte Asiaten werkeln, beleuchtete Speisekarte darüber, der Geruch. Doch auf den zweiten Blick sieht der Laden reichlich skurril aus – Getränkekisten stapeln sich vor der Theke und dem Toiletteneingang. Der Gastraum ist einigermaßen geschmackvoll, zumindest ordentlich und sauber eingerichtet. Allerdings auch irgendwie abgerissen, wenn man sich die Wände anschaut.
Ich bin hier, weil mich ein Freund hergeschickt hat – im Pho3miên in Hannover, einem scheinbar schlichten, austauschbaren Asia-Imbiss.
Doch der Schein trügt, wenn man zum Essen kommt. Im Gegensatz zu anderen Asia-Imbissen dieser Preislage dauert es verdächtig lange, bis das Essen auf dem Tisch steht. Kochen die etwa frisch? Aussehen tut mein »Thai Curry Chicken« (T4) zumindest so:
Es schmeckt gut. Die Portion ist angemessen groß. Und es ist endlich endlich endlich einmal wirklich so scharf, dass der Hinweis »scharf« gerechtfertigt wäre.
Hier komme ich gerne wieder her. Auch wenn ich den Namen des Imbisses nicht richtig schreiben kann.
Endlich bin ich mal woanders als in Hannover, nämlich in Köln in der Vorkarnevalszeit. Eingeladen worden bin ich, um an einer Presseveranstaltung teilzunehmen, und zwar in einem altehrwürdigen Gasthaus, nämlich dem »Gilden im Zims«.
Die Lokalität ist absolut super – die alten Backsteine hat man vom Putz befreit und zeigt sie in voller Pracht. Die Räume sind sehr verwinkelt und schaffen eine intime Atmosphäre, obwohl eigentlich alles offen steht.
Zunächst gibt es »Kölsche Tapas« – dahinter verbergen sich Schnittchen und Frikadellen. Das berühmteste Schnittchen dürfte wohl der »Halve Hahn« sein, der mitnichten was mit Hühnern zu tun hat, sondern ein Käsebrot ist. Mit Gurke.
Die Schnittchen sind total okay, und sie würden problemlos bis zum Abend vorhalten. Aber zwischen ihnen und dem Abend liegen noch zwei Gänge – glücklicherweise mit einigem zeitlichen Abstand.
Mein zweiter Gang besteht aus einem riesigen, fein plattgeklopften und sehr zarten Schnitzel Wiener Art mit einem beinahe schon vulgär großen Berg fantastischer Bratkartoffeln. Einzig die würzige Panade hätte einen Hauch fluffiger ausfallen können (aber das sage ich nur, weil ich unbedingt rummäkeln will). Das Schnitzel und die Bratkartoffeln waren wirklich sehr, sehr gut. Und ich habe die Hälfte der Kartoffeln und den kompletten, mitgelieferten Salatteller übrig lassen müssen, denn: nichts ging mehr.
Mit gottlob einer erneuten kleinen Pause schob uns der immer aufmerksame Service schließlich noch das Dessert unter: einen Apfelstrudel. Vielleicht sollte man aber den Dom lieber in Köln lassen bzw. die Kirche im Dorf – Apfelstrudel gehört nicht ins Rheinland. Und so fühlte er sich auch an – ein Fremdkörper. Sehr trocken, sehr fest, geschmacklich allerdings völlig okay, und das obwohl Zimtzucker darüber gestreut war. Die mitgelieferte warme Vanillesauce, die ich schließlich über das trockene Dings löffelte, ließ den Strudel dann akzeptabel matschig werden, so dass ich letztendlich sagen kann: nicht gerade super, aber in Ordnung.
Hervorheben kann ich aber wirklich den Service (ein junger Mann übrigens), der immer da war, wenn man ihn brauchte, sich ansonsten aber im Hintergrund aufhielt. Ach ja, erwähnte ich, dass ich auch Schnitzel und Bratkartoffeln toll fand?
Schon lange habe ich keine Gastronomie-Kritik mehr eingestellt, vornehmlich deshalb, weil ich eine ganze Zeit nur da war, wo ich ohnehin immerzu hingehe.
Gestern Abend war ich aber mit einem Freund auf ein Bierchen im Reimanns Eck am Weißekreuzplatz in Hannover – ein Etablissement, mit dem ich schon einmal ganz üble Erfahrungen gemacht habe. Damals allerdings lag das vermutlich an einer riesigen Gruppe, mit der ich da aufgeschlagen bin. Darum: zweite Chance fürs Reimanns Eck!
Der Betrieb hebt sich positiv aus den ganzen nach dem Wirt benannten Kneipen dadurch hervor, dass die korrekte Rechtschreibung und nicht etwa das sogenannte Deppenapostroph (»Reimann’s«) zum Einsatz kommt. Schon mal was!
Wir bestellten uns ein kleines Bier und Currywurst / Pommes. Es dauerte ein paar Minuten, dann standen die Biere auf dem Tisch. Außerdem gab es ein Körbchen mit Brot und Frischkäse.
Das war auch nötig, denn die Wurst ließ trotz mäßigen Betriebs ganz schön auf sich warten. Insgesamt saßen wir wohl 20 Minuten, bevor die Wurst kam – eine dünne, gerade Bratwurst in Currytunke. Mein Freund kommt aus dem Ruhrgebiet. Der blickte die Reimann-Currywurst an wie Obelix eine Schale mit Rosenkohl.
Der Geschmack der Wurst: fad. Die Konsistenz: zu weich. Der Geschmack der Sauce: Vorne scharf, nachhaltig sauer im Abgang. Die Konsistenz: zu dünn. Immerhin waren die Pommes in Ordnung.
Die Currywurst reizt mich jetzt nicht, nochmal ins Reimanns Eck zu gehen. Könnte alles ein bisschen flotter, ein bisschen fröhlicher und ein bisschen leckerer sein.
Vom Schumachers habe ich eine hohe Meinung. Eine kleine, günstige Karte, und Mittags gibt es für kleines Geld Mittagstisch. Sogar samstags. Und heute ist Samstag.
Beruflich bin ich seit 2009 mehrmals pro Woche in der Freundalle, das ist nicht weit vom sagenumwobenen Pferdeturm in Hannover. Quasi direkt neben der Institution, die ich dort als Dozent besuche, liegt ein griechisches Restaurant, dessen Ästhetik ich als sehr angenehm empfinde: Man verzichtet auf die übliche blaue Rechteckwelle und zeigt stattdessen einen Olivenzweig nebst entsprechenden Früchten. Auch auf pseudo-griechische Typographie wird verzichtet. Statt dessen setzt das Restaurant auf eine klassische und ziemlich römisch anmutende Antiqua. Der Laden heißt Petros Greek Restaurant – und ich war vorher nur ein einziges Mal dort, was am Preisgefüge liegt – auf der Karte liegt das günstigste Essen bei knapp unter 10 Euro. Damals (es war der Sommer vor zwei Jahren) saß ich draußen, so dass ich das Restaurant noch nie betreten habe.
Heute hatte ich dermaßen Schmacht, dass ich direkt nach dem Unterricht hingegangen bin. Innen ist das Petros sehr geschmackvoll eingerichtet. Die rustikalen Holztische werden pro Sitzplatz durch ein kleines Set aus blauweiß kariertem Stoff geziert. Eine Kerze leuchtet auf dem Tisch. Und dann war da noch die Papierserviette, die man irgendwie in jedem beliebigen griechischen Restaurant antrifft: blaue Rechteckwelle mit Spracherklärung. Gähn.
Bedient wurde ich, wenn ich das Bild auf der Website richtig deute, vom Chef persönlich: Petros Alexoudis. Er reichte mir die Karte und eröffnete mir, dass es zudem drei Mittagsangebote zu je 8,50 Euro gebe. Davon klangen die Bandnudeln mit Scampi und Kirschtomaten so lecker, dass ich dieses Gericht bestellte.
Zunächst einmal kam ein kleines Körbchen mit Brot. Wie das im mediterranen Raum üblich ist, schmeckt Brot eher nichtssagend. So auch dieses. Dafür war der Salat, den ich bekam, sehr lecker: ein kleiner Teller mit ein wenig Weißkraut, Kopfsalat, einer Tomatenscheibe, einigen Zwiebelringen und Champignonscheiben, gekrönt von einem leichten Joghurtdressing.
Noch bevor ich den Salat hatte verschlingen können, stand das Essen auf dem Tisch. Guckt Euch das Bild an. Genau so hat es geschmeckt. Mjam mjam mjam! Meine Frau allerdings wird mich heute schmähen – sie liebt Knoblauch überhaupt nicht…
Der GASTRONATOR ist dort draußen. Mit diesem Ding kann weder verhandelt noch argumentiert werden. Er kennt kein Erbarmen, keine Reue oder Angst.