Schlagwort-Archiv: Schweinefleisch

Authentische chinesische Küche in Vancouver

Noch immer in Vancouver sind meine Frau und ich in ein chinesisches Restaurant gegangen. Der 15-jährige Sohn hatte keinen Bock, chillte stattdessen im Hotel und hat (Spoiler!) was verpasst.

Vancouver besitzt eine riesige chinesische Community; bei der Volkszählung 2021 waren knapp 20 % aller Einwohner:innen in der Metropolregion chinesischer Abstammung. Daher sind chinesische Restaurants in der weltoffenen Stadt am Pazifik erheblich authentischer als das »Peking Haus«, »Die Große Mauer« oder dieser »Goldener Drache« mit dem suspekt wirkenden Goldfisch-Aquarium und den Buddha-Devotionalien in den Außenbezirken einer deutschen Großstadt. Aber hüben wie drüben gilt: Sitzen Menschen der entsprechenden ethnischen Gruppe in großer Zahl in einem Restaurant, wird es wohl ganz gut sein.

So war es auch bei der Heritage Asian Eatery in der W Pender Street im lebhaften Coal-Harbour-Viertel von Vancouver. In der Main Street gibt es übrigens noch eine weitere Filiale des Restaurants.

Das Ambiente

Das Ambiente im Restaurant Heritage Asian Eatery.
Das Ambiente im Restaurant Heritage Asian Eatery, kurz bevor wir schon nach Ladenschluss gingen.

Machen wir uns nichts vor: Das Heritage Asian Eatery wird keinen Preis für Gemütlichkeit gewinnen. Im Gegenteil. Der Wohlfühlfaktor liegt nahe am Gefrierpunkt, und zwar gleich in doppelter Hinsicht.

Der schlauchartige Gastraum erstreckt sich von der Straßenfront bis nach hinten, wo er an die Küche grenzt, die direkt neben der Toilette liegt. Der Boden besteht aus rohem, irgendwie abgestoßen wirkendem Beton, der in regelmäßigen Abständen von offenbar unsachgemäß mit einer Flex von Rost befreiten Stahlträgern durchzogen ist.

Die Decke ist höher, als der Laden breit ist. Stromkabel sind dergestalt kreuz und quer darunter verlegt, dass ein:e deutsche:r Elektriker:in schon im ersten Lehrjahr einen Schlaganfall erleiden würde. Von den anscheinend in sämtlichen Restaurants Vancouvers üblichen, blanken Rohrleitungen fange ich gar nicht erst an.

Die unangenehme Atmosphäre wurde durch ziemlich abgeranztes Mobiliar unterstrichen. Wir saßen an einem gerade nicht mehr als speckig zu bezeichnenden Zweiertisch. Meine Frau saß auf der mit grünem Kunstleder bezogenen (und anscheinend einigermaßen bequemen) Sitzbank an der Wand, ich musste mich mit einem knüppelharten und buchstäblich arschkalten Metallstuhl herumschlagen.

Auf der einen Seite des Restaurants waren recht große Spiegel ordentlich in Reih und Glied an der Wand befestigt (einen davon seht ihr auf dem Foto), auf der anderen Seite hing ein wildes Sammelsurium riesiger Drucke chinesischer Gemälde in glaslosen Bilderrahmen. Nicht ein einziges passte zum jeweils anderen, nicht ein einziges war in Waage, nicht eines hatte den gleichen Abstand zum anderen oder hing auf gleicher Höhe. Auf diese Galerie habe ich die ganze Zeit blicken dürfen. Das hat mich so irritiert, dass ich ganz vergessen habe, ein Foto davon zu machen. Ich bin schon ein totaler Vollprofi, was so was angeht.

Auf dem Weg zum Klo unterquert man eine sich in grellem Magenta in die Netzhaut brennende Neonschrift »Happy Dumpling«, die die unangenehm kalte Atmosphäre im Laden noch weiter verstärkt. Der Laden versucht halbherzig und überaus erfolglos, mit drei gelben Papierlampen gegenzusteuern.

Aber das Adjektiv kalt beschreibt nicht nur die Atmosphäre. Auch die tatsächliche Raumtemperatur lag unangenehm tief. Bei geschätzt höchstens 18 Grad fröstelten wir vor uns hin und waren ausgesprochen froh, dass wir unsere leichten Sommerjacken dabeihatten.

Zu guter Letzt spielte ziemlich laute Musik, die kein bisschen zu einem asiatischen Restaurant passen wollte. Sie war aber wiederum nicht laut genug, um sie identifizieren zu können. Im Nachhinein kam mir der Gedanke, ob die Mucke vielleicht einfach in der Küche lief und gar nicht im Gastraum – wer weiß?

Der Service

Das Restaurant Heritage Asian Eatery in Vancouver von außen
Das Restaurant Heritage Asian Eatery in der W Pender Street Vancouver von außen

Als wir ohne Reservierung eine Stunde vor dem extrem frühen Ladenschluss das Restaurant betraten, war der Laden fast komplett voll. Wir stellten uns also an das »Please wait to be seated«-Tischchen im Eingangsbereich, und nur Sekunden später stand wie aus dem Nichts eine hochschwangere junge Frau vor uns und lächelte uns an. Ich fragte mich kurz, wo wohl das Rauchwölkchen geblieben sein mochte, aus dem sie unzweifelhaft mit einem leisen »Plopp« aufgetaucht sein musste. Aber ich konnte diesbezüglich keine Nachforschungen anstellen, denn als sie hörte, dass wir keine Reservierung hatten, verschwand sie, wie sie gekommen war (»Plopp«), und einen halben Wimpernschlag später (»Plopp«) stand eine zweite lächelnde junge Frau dort. Sie versicherte, es sei kein Problem, dass wir ohne Reservierung da seien, zauberte aus dünner Luft eine Sprühflasche und einen Lappen hervor, wischte kurz die Tischplatte eines von zwei freien Zweiertischen ab und platzierte uns dort.

Wir nutzten die dreizehneinhalb Sekunden, in denen wir nichts zu tun hatten, um uns im recht kleinen Laden umzuschauen. Insgesamt bietet die Heritage Asian Eatery etwas mehr als 30 Sitzplätze. Davon waren rund 25 Plätze besetzt, und bei zehn Menschen an den Tischen vermuteten wir die Wurzeln in China; oben habe ich ja schon festgestellt, dass so etwas eigentlich immer ein Indiz für eine gute Küche ist.

Wir sollten nicht enttäuscht werden. Aber ich greife vor.

Denn kaum saßen wir, stand (»Plopp«) die hochschwangere junge Frau wieder bei uns, legte uns lächelnd die Karten auf den Tisch und fragte, ob wir erst einmal ein Glas Wasser wollten. Kaum hatte ich »Yes please« gesagt, standen große Wassergläser mit Wasser auf dem Tisch. Natürlich mit einem Haufen Eiswürfeln drin – es war ja bis jetzt noch nicht kalt genug in der Heritage Asian Eatery.

Dann war sie wieder weg, und im selben Moment, als wir uns entschieden hatten, stand sie mit einem iPad neben uns, um die Bestellung aufzunehmen. Wie zum Konfuzius machen die das??

Die Bestellung

Meine Frau wählte die »Classic Chicken Bowl« mit knusprig gebratenem Hähnchen, Ingwer und Schalotten, ich das »Char Siu Pork Belly & Salt Baked Chicken«. Dazu bestellten wir uns die vegetarischen Frühlingsrollen zum Teilen. Außerdem orderte ich eine Kanne Jasmintee, denn mir war jetzt schon eiskalt. »Plopp« – weg war sie wieder.

Der Jasmintee

Der Jasmintee im Restaurant Heritage Asian Eatery kommt in einer großen Porzellankanne.
Der Jasmintee im Restaurant Heritage Asian Eatery kommt in einer großen Porzellankanne.

Der Tee kam innerhalb weniger Minuten in einer flachen, aber dennoch (wie sich noch herausstellen würde) voluminösen Porzellankanne und stilistisch völlig anderem Becher. Aber der Becher wurde zum Fanobjekt meiner Frau – sie wärmte sich damit die ganze Zeit die frierenden Finger.

Um einen hochwertigen Jasmintee zu produzieren, vermischen die Hersteller grüne Teeblätter mehrfach mit frischen Jasminblüten, sodass das intensive Aroma der Blüten auf den Tee übergeht. Nach der Aromatisierung werden die Jasminblüten bei besseren Qualitäten wieder aussortiert, billiger Jasmintee überspringt diesen Schritt und behält die Blüten in den Teeblättern.

In dieser Kanne waren jede Menge Teeblätter, aber nicht eine Blüte zu sehen. Sprich: Das Ausgangsprodukt war hochwertig. Und das schmeckte man auch.

Einen guten chinesischen Jasmintee macht aus, dass er ein intensives und dennoch florales Aroma aufweist. Gleichzeitig hat er eine natürliche, dezente Süße, die den Gesamteindruck harmonisch abrundet, ohne aufdringlich zu sein. Sein Geschmack sollte frisch und klar sein, weich und mild, weder herb noch bitter.

In dieser Kanne war das exakt so. Die feinen, leicht süßen Noten verbanden sich mit dem sanften Blütenduft, und nach dem Trinken blieb ein ganz zarter Nachgeschmack zurück, der angenehm und leicht süßlich war und mich entfernt an den Duft von blühendem Flieder erinnert hat.

Der Jasmintee geht nicht in die Bewertung ein, aber ein Indiz darf er für euch sein: Der Jasmintee ist 10 von 10 Punkten wert. Gekostet hat er vor Steuern 5,00 CAD – das sind gerade einmal 3,14 Euro, und wir haben es zu zweit nicht geschafft, die Kanne auszutrinken.

Die vegetarischen Frühlingsrollen

Die vegetarischen Frühlingsrollen (geteilt für 2 Personen) im Restaurant Heritage Asian Eatery.
Die vegetarischen Frühlingsrollen (geteilt für 2 Personen) im Restaurant Heritage Asian Eatery.

Wir hatten uns die vegetarischen Frühlingsrollen bestellt und sind in deutscher Unkenntnis davon ausgegangen, dass die uns als Vorspeise serviert werden würden. Da hatten wir aber die Rechnung ohne unsere Wirtin gemacht, denn wir waren schon halb fertig mit unseren Hauptgerichten, als die Rollen plötzlich auf dem Tisch auftauchten.

Wir bekamen vier Stück serviert (in der Karte stehen nur drei – da hat es jemand gut mit uns gemeint), die fein säuberlich in der Mitte durchgeschnitten waren, damit wir sie uns teilen konnten. (Während ich das hier schreibe, kommt mir allerdings in den Sinn, dass sich vier Rollen ja auch super einfach so durch zwei Personen teilen lassen würden. Hä? Wozu waren die durchgeschnitten?)

Jedenfalls präsentierten sich die Röllchen mit einer knusprig-goldenen Hülle, die beim ersten Biss sofort hörbar splitterte. Die spröde, angenehm dünne Teighülle war weder zu fettig noch zu trocken – genau so, wie es sein soll. Im Inneren zeigte sich ein lebendiger, farbenfroher Zutatenmix: knackige Weißkohlstreifen, ein Streifen Karotte und Frühlingszwiebel. Alles war so auf den Punkt ausgebacken, dass der Teig außen goldbraun war, aber das Gemüse innen nicht verkocht, sondern noch leicht bissfest war. Es war weder matschig noch überwürzt, sondern aromatisch und frisch – unterstützt durch einen Hauch von Sesamöl.

Die vegetarischen Frühlingsrollen (geteilt für 2 Personen) im Restaurant Heritage Asian Eatery.
Die vegetarischen Frühlingsrollen (geteilt für 2 Personen) im Restaurant Heritage Asian Eatery.

In einer Schale schimmerte eine rote Soße. Die chinesische Küche arbeitet ja häufig mit Stärke, und entsprechend war auch diese Soße recht dickflüssig. Mein Hirn hatte hier irgendwie eine süße Chilisoße erwartet, deshalb war ich überrascht, dass sie kein bisschen scharf, sondern fruchtig und säuerlich war.

Der erste Eindruck war dabei eindeutig süß – es dürfte also ein relativ hoher Anteil an Zucker darin gewesen sein. Dann aber kickte die milde Säure von (Reis-?)Essig rein, der diese Süße perfekt ausbalancierte, bevor sie mir zu viel wurde. Ein Hauch Knoblauch und Ingwer mischten im Hintergrund des Geschmacksprofils ebenfalls mit.

Außerdem konnte ich ein paar fruchtige Akzente erahnen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob hier süße Paprikaschoten oder vielleicht sogar so etwas wie gelbe Pflaumen im Spiel waren. Bevor ich das nämlich herausbekommen konnte, hatte meine Frau die letzten Reste aus der Schale gewischt.

Die Soße war der perfekte Begleiter zu den knusprigen Frühlingsrollen. Es war nur zu wenig Soße – was wohl daran liegt, dass normalerweise eine Rolle weniger geliefert wird. Beschwere ich mich also? NEIN!

Die Rollen kosten 8,85 CAD vor Steuern, das sind gerade mal 5,55 Euro für einen perfekten Snack. Selbst wenn ich ganz ausführlich nach irgendwelchen negativen Seiten dieses Gerichts suche – ich finde einfach keine. Und das heißt: 10 von 10 Punkten.

Das Char Siu Pork Belly & Salt Baked Chicken

Das Gericht Char Siu Pork Belly & Salt Baked Chicken im Restaurant Heritage Asian Eatery.
Das Gericht Char Siu Pork Belly & Salt Baked Chicken im Restaurant Heritage Asian Eatery.

Während ich in Deutschland nicht so wirklich darauf stehe, Schweinebauch zu essen (ich sehe ihn vor allem als den Geschmacksträger in meinem winterlichen Lieblingsgericht, dem norddeutschen Grünkohl mit Kasseler, Bregenwurst und eben Schweinebauch), werden mir auf TikTok laufend neue chinesische Zubereitungsarten dafür präsentiert. In meiner Region Deutschlands führt kein einziges chinesisches Restaurant Schweinebauchgerichte. Denn das ist quasi reines Fett, und welche:r Deutsche will schon reines Fett essen? Die wenden sich doch alle angeekelt ab und packen lieber ihr Nutella-Brot mit Butter aus.

Ja, Schweinebauch ist wirklich fast reines Fett, und weil ich mir selbst nicht so richtig über den Weg getraut habe, habe ich sicherheitshalber nicht nur den Honey roasted Char Siu Pork Belly bestellt, sondern – da hat jemand, der/die Karte gestaltet hat, mitgedacht – eine Kombination mit Salt Baked Chicken. Falls mir der Fettriegel nicht behagen würde, müsste ich auf diese Weise dennoch nicht darben.

Das Kombinationsgericht aus Schwein und Huhn kostete 19,75 CAD vor Steuern, das sind gerade einmal 12,39 Euro. Alle BBQ-Gerichte des Restaurants werden mit Gai Lan, mariniertem Ei und gedämpftem Jasminreis serviert.

Der Gai Lan

Das Gericht Char Siu Pork Belly & Salt Baked Chicken im Restaurant Heritage Asian Eatery.
Im Vordergrund: der Gai Lan.

Gai Lan wird auch chinesischer Brokkoli oder chinesischer Grünkohl genannt. Kein Wunder – alle Kohlsorten der Welt stammen von nur einer einzigen Kohlsorte ab (Brassica oleracea), und während europäischer Brokkoli (Brassica oleracea var. italica) und Grünkohl (Brassica oleracea var. sabellica) seit der Antike gezüchtet werden, ist Gai Lan (Brassica oleracea var. alboglabra) erst seit dem 7. Jahrhundert CE nachgewiesen.

In der kantonesischen Küche wird er meist gedämpft oder gebraten und als Beilage zu Fleischgerichten serviert. Wann immer ihr in chinesischen Restaurants ein Gericht wie »Rindfleisch mit Brokkoli« seht, sollte dort eigentlich Gai Lan verwendet werden – und wird es fast nie.

Ich habe Gai Lan vorher noch nie bewusst gegessen. Gelegentlich hatte ich ihn zwar schon im Asia-Markt meines Vertrauens gesehen, aber noch nie gekauft – das war also für mich ein erstes Mal. Und nun lag er also vor mir auf dem Teller. Die Pflanze hat dicke, tiefgrüne Blätter und kräftige Stiele. Ich nahm eines der großen Stücke mit den Chopsticks auf und schob es mir in den Mund.

Leider waren die Stücke wirklich riesig, und gerade weil die Stiele so kräftig sind, habe ich den Kohl einfach nicht in eins in den Mund bekommen. Mangels westlichen Bestecks wurde es dann etwas – sagen wir: unschön. Ich war froh, dass nur meine Frau zuschauen musste, weil ich mit dem Rücken zum Gastraum saß. Der Zuschnitt des Gemüses ist ein vermeidbarer Punktabzug.

Der Kohl war gedämpft und überraschend bissfest und ganz anders im Geschmack, als ich erwartet hatte. Ich verstehe jetzt, warum Gai Lan mal als chinesischer Brokkoli und mal als chinesischer Grünkohl bezeichnet wird.

Denn er liegt irgendwo dazwischen.

Sein Geschmack erinnert mich tatsächlich an Brokkoli, aber er ist erheblich kräftiger als die zart und mild schmeckenden europäischen Varianten, die ich so kenne. Gleichzeitig kommt aber auch die bittere Note des einfach nicht mehr aufzutreibenden, fantastischen Grünkohls aus meiner Kindheit durch, von den Sorten, die wirklich noch knackigen Frost abbekommen mussten, um ihre Bitterstoffe weitgehend zu verlieren. (Das, was man heute als Grünkohl bekommt, muss zwar keine Minusgrade auf dem Feld erleben, aber dafür ist ihm auch die geschmackliche Komplexität abhanden gekommen.)

Gai Lan gefällt mir – sowohl geschmacklich als auch vom Mundgefühl her. Dann werde ich beim nächsten Mal im Asia-Markt zuschlagen – dann aber kleinere Stücke zubereiten.

Der Gai Lan ist also lecker und bissfest, aber zu groß für unfallfreies Essen geschnitten: 8 von 10 Punkten.

Das marinierte Ei

Halbweiche, marinierte Eier werden in vielen asiatischen Ländern zu allen möglichen Gerichten gereicht. Mittlerweile werden sie, egal woher sie stammen oder wofür sie bestimmt sind, häufig einfach »Ramen-Ei« genannt.

Für mich ist es unmöglich zu sagen, was die Küche genau für die Marinade genutzt hat. Ich kann nur ein paar sinnvolle Vermutungen anstellen: Das Ei auf meinem Teller war leicht salzig und umami, aber auch bis zu einem gewissen Grad süß. Ihm fehlte außerdem die typische Maserung einer Tee-Ei-Marinade. Darum gehe ich davon aus, dass die Marinade einfach aus einer hellen Sojasoße (für das Salz), ein paar Spritzern dunkler Sojasoße (für die Farbe und die tiefe Umami-Note) und vor allem aus Mirin (für die Süße) bestanden hat. Vielleicht war auch ein bisschen Reisessig oder Shaoxing-Wein dabei.

Jedenfalls habe ich durch dieses halbe Ei richtig Bock darauf bekommen, selbst mal wieder Eier zu marinieren – das muss bestimmt 25 oder noch mehr Jahre her sein, dass ich das zuletzt gemacht habe.

Die einzige Klage, die ich habe: Ich hatte nur ein halbes Ei. Meine Frau hingegen fand in ihrem Gericht zwei Hälften. WHY?? 😭

10 von 10 Punkten für das marinierte Ei.

Der gedämpfte Jasminreis

Wenn wir zu Hause asiatische Gerichte kochen, nutzen wir meistens Basmati-Reis, seltener Jasmin. Den gibt es einfach in unserem Dorf nicht in der Qualität zu kaufen, die wir uns wünschen. Darum freue ich mich jedes Mal darauf, wenn ich Jasminreis auf dem Teller habe.

Und ja, mir ist vollkommen klar, dass Basmati-Reis in chinesischen Gerichten nichts zu suchen hat, sondern nur in der Küche des Subkontinents. Er ist viel körniger, nach dem Kochen trocken und locker, weshalb er die in Currys die oßen gut aufnehmen kann, er hat ein längeres und schmaleres Korn und schmeckt insgesamt nussig bis erdig.

Jasminreis ist völlig anders: Er ist im Aroma zart und duftig, blumig und süßlich. Nach dem Kochen ist seine Konsistenz klebrig, was für das Essen mit Stäbchen geradezu eine Notwendigkeit darstellt.

Der Reis, den ich bekam, lag in einer ansehnlichen Menge unter meinem Fleisch. Die süßliche Marinade des Schweinebauchs hatte an ein paar Stellen auf ihn abgefärbt und so auch ein kleines bisschen des süßlichen Geschmacks übertragen. Das machte den ohnehin schon großartigen Jasminreis für mich zu einem geradezu himmlischen Erlebnis – eine glatte 10 von 10 Punkten.

Der Char-Siu-Schweinebauch

Das Gericht Char Siu Pork Belly & Salt Baked Chicken im Restaurant Heritage Asian Eatery.
In der Bildmitte: der marinierte Schweinebauch.

Ich kannte, das habe ich schon erwähnt, bisher noch kein einziges chinesisches Gericht mit Schweinebauch, darum habe ich mich im Nachgang des Abends genauer über diese Zubereitungsart informiert.

Char Siu ist ein traditionell kantonesisches Rezept, das wörtlich »mit Gabeln geröstet« bedeutet. Der Name geht wohl auf eine Methode zurück, bei der lange Fleischstreifen auf Spieße gezogen und dann entweder in einem Ofen oder über offenem Feuer gegrillt wurden.

Für Char Siu wird eigentlich der fettige und besonders saftige Schweinebauch, der hier auf meinem Teller lag, aber mittlerweile wird auch Schweinenacken bzw. Schweineschulter mit marmoriertem Fleisch genutzt oder sogar die magere Schweinelende.

Aber ich hatte hier das Original auf dem Teller: eine reine Fettschwarte.

Die äußeren Schichten des Fetts waren millimeterweit von einer tiefroten Marinade durchdrungen, in der der Schweinebauch stundenlang – und oft viel länger – zieht. Nach dem Marinieren wird es im Ofen gegart, und zwar anderthalb bis zwei Stunden bei etwa 160 Grad. Währenddessen wird es häufig mit der Marinade bepinselt. Zum Schluss wird das Fleisch dann mit der Grillfunktion (traditionell: direkt über offenem Feuer) nachgebräunt, um den charakteristischen Glanz und die angekohlten Ränder zu erzielen.

Zeit, das Ding zu probieren. Beinahe reines Fett, wenn auch mariniert.

Vorsichtig nahm ich eine der fetttriefenden Scheiben zwischen die Chopsticks und biss zögerlich hinein. Erstaunlicherweise war das Mundgefühl überhaupt nicht so, wie ich es erwartet hatte. Ich hatte entweder mit einem zähen Stück Gummi gerechnet oder mit überhaupt keinem Widerstand. Aber es war genau dazwischen: Auch wenn der äußerste Rand stellenweise etwas angeknuspert war, musste ich beim Hineinbeißen an die Konsistenz eines Marshmallows denken.

Der Schweinebauch war sehr saftig und zerging fast auf der Zunge. Das Fett hat die Aromen besonders gut aufgenommen und unterstrich die Mundfülle. Die Kombination aus dem zartem Fett und der glasierten Oberfläche verschaffte dem Gericht ein volles, angenehmes Mundgefühl. Und die die Säfte flossen über meine Geschmacksknospen und trugen die Marinade mit sich.

Und diese Marinade… du liebe Güte.

Sie besteht aus einer Kombination verschiedener Zutaten, die ich recherchieren musste:

Hoisin- und Austernsauce bringen eine angenehme, vollmundige Umami-Note und Würze, die dem Bauchfleisch große Tiefe und einen runden Geschmack verleihen. Sojasoßen sorgen ebenfalls für herzhafte, würzige Nuancen.

Die Süße von Honig und braunem Zucker gleicht die salzigen Noten der Sojasoßen aus. Dadurch entsteht eine deutlich süß-salzige Grundnote, die typisch für Char Siu ist.

Die fünf typischen chinesischen Gewürze Sternanis, Nelken, Zimt, Fenchel und Szechuan-Pfeffer steuern eine komplexe, warme Würze bei: leichte Schärfe, blumige Zimtnoten, anisartige Frische und etwas Süße von Nelken und Fenchel. Dieses Gewürzprofil ist zwar zurückhaltend, aber sehr charakteristisch – es macht den Geschmack unverkennbar »chinesisch«.

Shaoxing-Wein bringt eine sehr milde, ausgeglichene Säure und eine leichte, aromatische alkoholische Note ein. Das hebt die Marinade ab und sorgt für Frische und Komplexität.

Für die Farbe sorgt traditionell rot fermentierter Reis, was aber heute meist durch eine Lebensmittelfarbe ersetzt wird – ist einfacher und preiswerter.

Durch den Honig und Zucker bildet sich beim Rösten im Ofen eine glänzende, leicht knusprige und intensiv karamellisierte Kruste. Diese Glasur ist vollmundig-süß, mit Röstaromen und einem Hauch von Bitterkeit durch die dunkle Karamellisierung.

Durch diese Marinade schmeckt Char-Siu-Schweinebauch süß, salzig, mild würzig, vollmundig und mit dezenter Tiefe und bekommt auch eine aromatische, glänzend-karamellisierte Kruste. Der Schweinebauch ist durchzogen von Umami, einem Hauch Gewürz-Exotik und bleibt herrlich saftig und zart. Die Kombination aus süßer Kruste, würzigem Aroma und schmelzendem Schweinebauch haben mich vollkommen vergessen lassen, was ich mir da gerade in den Mund gesteckt hatte.

Und so aß ich die gesamte Portion des Schweinebauchs auf. Allerdings muss ich gestehen, dass ich zwischen den Schweinebauchscheiben immer wieder Reis und Gai Lan in den Mund schob. Denn mit jedem Bissen, den ich vom Schweinebauch nahm, wurde es mir zunehmend zu viel vom Fett, und am Schluss war mir beinahe schlecht davon.

Obwohl die Marinade und Zubereitung so gut war, dass ich vergaß, was ich mir mit den Stäbchen in den Mund steckte, würde ich mir Schweinebauch Char Siu nicht noch einmal bestellen. Denn den nächsten Teil des Gerichts fand ich viel besser. Und darum gebe ich dem Schweinebauch 6 von 10 Punkten.

Das in Salz gebackene Hähnchen

Das Gericht Char Siu Pork Belly & Salt Baked Chicken im Restaurant Heritage Asian Eatery.
Rechts im Bild: das in Salz gebackene Hähnchen.

In Salzkruste gebackene Speisen kennen wir auch in Deutschland. Ganz besonders beliebt ist diese Methode für Fischgerichte, z. B. für Dorade, Forelle, Lachs oder Wolfsbarsch. Der Fisch wird dabei im Ganzen außen gewürzt, mit Kräutern gefüllt, dann in grobem Salz vollständig eingehüllt, das für die Stabilität oft mit Eiweiß gemischt wird, und im Ofen gebacken. Dadurch bleibt das Fleisch sehr saftig und nimmt ein feines Aroma an, ohne selbst salzig zu werden. Auch Salz-Krustenbraten kennt vielleicht der eine oder die andere von euch.

Genauso funktioniert das mit in Salz gebackenem Hähnchen. Es wird mit Gewürzen eingerieben und anschließend in einer Salzkruste gebacken. Das Salz bildet eine schützende Schicht und sorgt dafür, dass das Fleisch besonders zart, extrem saftig und aromatisch wird, da die Feuchtigkeit im Fleisch eingeschlossen wird und zusammen mit den Gewürzen zirkuliert wie in einem Römertopf. Nach dem Garen wird die Salzkruste aufgebrochen und entfernt und das Hähnchen serviert.

Auf meinem Jasminreis lag der obere Teil einer Keule, also glücklicherweise das beste Fleisch des Tieres. (Ich werde nie verstehen, warum in Deutschland alle die dröge Hühnerbrust für das beste Stück halten. Hühnerbrust ist nicht das beste Stück. Hühnerbrust ist langweilig.) Nach dem Backen war es in Stücke zerhackt worden, und zwar natürlich mitsamt den Knochen darin.

Nun dachte ich, dass es eine Herausforderung werden würde, diese Knochen ausschließlich mit den Stäbchen zu entfernen – doch ich irrte mich. Problemlos ließen sie sich aus dem Fleisch herausziehen, ähnlich wie wir das von Spare Ribs kennen. Und ja, ich schaffte das mit den Stäbchen, ohne auch nur ein einziges Mal meine Finger zu Hilfe nehmen zu müssen.

Das Fleisch selbst ließ sich natürlich problemlos vom Teller in den Mund befördern. Die Haut des Huhns war knusprig und lecker; ich habe bewusst auf die Salzigkeit geachtet, aber nichts Außergewöhnliches bemerkt. Hatte die Haut überhaupt unmittelbaren Kontakt zum Salz gehabt, oder war vielleicht eine Schicht Backpapier dazwischen gewesen? Das kann eigentlich nicht sein – denn dann wäre sie nicht so kross gewesen, sondern durch die Dämpfe aufgeweicht. War sie zunächst entfernt, separat gegart und später wieder appliziert worden? Nein, dazu saß sie zu fest am Fleisch. Wie auch immer die Küche das gemacht hatte: Chapeau.

In den Säften des Fleisches schmeckte ich Ingwer und einen Hauch Knoblauch heraus, aber das war längst nicht alles, was da in Hinblick auf Aroma passierte. Ich kann es nur einfach nicht benennen – zu subtil waren die einzelnen Komponenten, zu verbunden waren sie als Ganzes, zu unwissend bin ich, was die Aromatik dieser Küche angeht.

Nur so viel:

Es war fabelhaft. 11 von 10 Punkten für dieses Huhn.

Die Ingwer-Frühlingszwiebel-Soße

Zum Huhn gehörte ein Dip, der in einer kleinen Schale mitgeliefert wurde. Er bestand aus sehr fein gehackten Frühlingszwiebeln und frischem, geriebenem Ingwer und einem kleinen bisschen Salz, vielleicht auch einem Hauch von weißem Pfeffer. Zwiebeln und Ingwer traten so deutlich hervor und die Gewürze so weit in den Hintergrund, dass diese Mischung wohl mit heißem Erdnussöl übergossen worden ist – ein echt cooler Trick, um die Aromen der Hauptzutaten zu intensivieren und die von Gewürzen zu minimieren, ohne sie ganz zu zerstören.

Fantastischer Dip: 10 von 10 Punkten.

Fazit

Ich wollte unbedingt Schweinebauch ausprobieren, musste feststellen, dass er in dieser Form – obwohl lecker – für mich persönlich nicht das Richtige ist. Aber das hatte ich ja bereits bei der Bestellung antizipiert und daher gleich die Kombi mit dem Huhn genommen.

Dem Gesamtgericht mit Schweinebauch und Huhn gebe ich 8 von 10 Punkten.

Damit wir uns hier klar verstehen: Ich möchte eine absolut uneingeschränkte Empfehlung für diese Küche geben. Nehmt nur einfach keinen Schweinebauch, wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr ihn mögt.

Ach ja, und nehmt Jacken und Fäustlinge mit. Auch im Sommer. 🥶

Salm Bräu: Mein Fazit zum Wiener Schnitzel

Mein vierter Abend in Wien, mein drittes Gericht in einem Wiener Lokal. Das erste Lokal war beinahe gut, das zweite Lokal ein totaler Reinfall. Gestern habe ich im Biergarten des Praters ein erstaunlich okayes Schnitzel (ein Schweineschnitzel mit Pommes – gilt das in Wien nicht eigentlich als blasphemisch?) gegessen, das mir aber einfach zu langweilig für eine ausführliche Bewertung war. Und heute Abend besuchte ich mit meiner Familie das Salm Bräu im Rennweg. Damit ich in Wien dann auch mal ein Wiener Schnitzel esse, habe ich das heute geordert. So wie meine ganze restliche Familie auch (bis auf meine Frau, die eine Frittatensuppe nahm, um anschließend die Schnitzelreste ihrer Mutter aufzuessen).

Das Ambiente

Man kommt durch das Eingangstor in einen mit Tischen und Bänken zugestellten Innenhof, der mit großen Sonnenschirmen (oder Pavillon-Zelten?) vor den Unbilden des Wetters geschützt ist. Gegen die große Hitze – auch heute waren es in Wien wieder 34 °C – stehen dort mehrere Ventilatoren mit ordentlichen Durchmessern und noch ordentlicherer Leistung auf massiven Gestellen und blasen kontinuierlich einen Strom vernebelten Wassers unter das Zeltdach. Die Verdunstung des Nebels kühlt die Temperatur im Innenhof um bestimmt 10 Grad auf eine sehr angenehme Temperatur herunter.

Maischbottich und Läuterbottich im Salm Bräu Wien
Maischbottich und Läuterbottich im Salm Bräu Wien

Das Salm Bräu ist – der Name lässt’s schon vermuten – eine Brauereigaststätte. Und das sieht man, sobald man in den Gastraum eintreten will. Hier kommt man nämlich unübersehbar an Bierbrauequipment vorbei: große Bottiche aus Kupfer, in denen gemaischt und geläutert wird. (Was immer das auch ist. Ich habe von Bierbrauen keine Ahnung.)

An diesen zwei Bottichen kamen wir vorbei, denn wir saßen drinnen im rustikalen Gastraum, wo es keine Vernebelungsanlage gab. Es war hier zwar wärmer als im Innenhof, aber dennoch problemlos erträglich, wohl weil die kühle Luft des Innenhofs durch den Gastraum zirkulierte. Für das Umwälzen der Luft waren viele kleine Deckenventilatoren verantwortlich, die ihre Arbeit recht ordentlich erledigten.

In den Wiener Restaurants der ersten beiden Tage hatte ich immer das Gefühl, dass die Einrichtungen mit viel Mühe aus verschiedenen Epochen und / oder Stilrichtungen zusammengestellt worden waren, sodass die Elemente am Ende seltsamerweise harmonierten. Im Salm Bräu war das anders.

Denn hier passte einfach alles gleich auf Anhieb zusammen: dunkle Holzvertäfelung, cremefarbener Putz, kupferne Lampenschirme, rustikales Mauerwerk, tonnenförmiges Gewölbe … Ach, seht doch einfach selbst:

Gastraum im Salm Bräu Wien
Gastraum im Salm Bräu Wien

Auch hier gab es wieder Holzbänke, zudem auch einfache Holzstühle als Sitzgelegenheiten. Ich saß mal wieder auf der Bank, und die war zum Sitzen aus meiner Sicht völlig okay – es gab genug Platz, sich nach hinten zu schieben und anzulehnen. Dieses Mal hatten wir an unserem Tisch außerdem ausreichend Fläche für sechs Personen, die ganzen Teller und Getränke.

Der Service

Der Service im Salm Bräu ist geradezu irrwitzig. Wir hatten es mit insgesamt fünf MItarbeiter:innen zu tun.

Vorn am Eingang wurden wir von einer jungen Mitarbeiterin empfangen, die unsere Reservierung digital mit den reservierten Tischen abglich, uns zu unserem Platz führte und mit geradezu grotesk überdimensionierten Speisekarten versorgte. In dem Moment, als alle Menüs zugeklappt waren, stand der Ober an unserem Tisch und nahm unsere Bestellung mit einem Stift (!) und einem Zettel (!!) aus Papier (!!!) auf. Eine Mitarbeiterin brachte uns kurz darauf die Getränke. Ein weiterer Ober trug wenige Minuten danach die Frittatensuppe meiner Frau heran, ein weiterer Ober bald darauf die fünf Wiener Schnitzel. Abgeräumt wurde von der Person, die die Frittatensuppe gebracht, kassiert vom Ober, der unsere Bestellung aufgenommen hatte.

Entweder ist das ein unglaublich ausgeklügeltes, brillantes System oder das totale Chaos.

Da aber alles reibungslos und schnell geklappt hat (bis auf, dass mein Schwiegervater ein Helles statt eines Pils bekommen hat) gehe ich hier vom brillanten System aus. Allerdings scheint dieses brillante System auch eine negative Seite zu haben. Denn was toll für die Gäste ist, ist Stress pur für den Service.

Der Job als Servicekraft im Salm Bräu scheint mir ziemlich heftig zu sein – niemand aus der Crew wirkte jemals gelassen, alle standen dauernd unter Strom, und gelächelt wurde eigentlich nur, wenn die Mitarbeiter:innen mal für eine Minute unter sich an der Theke alleine waren, weil sie entweder Bestellungen für frisch gezapftes Bier abgaben, das Bier frisch zapften oder auf frisch gezapftes Bier warteten. Die Jungs hingegen, die die Speisen aus der Küche heranschleppen und die leer gegessenen Teller abräumen mussten, hatten irgendwie nichts zu lachen. Und das tut mir wirklich leid für sie.

Die Bestellung

Dieses Mal war das wirklich einfach. Wenn ich schon einmal in Wien bin, dann will ich wenigstens einmal ein Wiener Schnitzel – natürlich vom Kalb – gegessen haben. Da wir morgen Abend in ein Irish Pub gehen wollen und übermorgen wieder fahren, war dies die letzte Chance für mich.

Das Salm Bräu kommt in den Rezensionen auf den üblichen Plattformen recht gut weg, und so sind wir hier gelandet. Allerdings, und das fand ich sehr schade, wird das Wiener Schnitzel im Salm Bräu nicht mit dem berühmten Wiener Kartoffelsalat gereicht, sondern mit Petersilkartoffeln als Beilage.

Dennoch: Nicht nur ich wollte ein Schnitzel. Mein Sohn natürlich auch. Aber ebenso wollten alle anderen aus meiner Familie das Kalbsschnitzel haben. Bis auf meine Frau, die sich mit ihrer Mutter das Schnitzel teilen wollte und ergänzend eine Frittatensuppe bestellte. (Für die Badener:innen und Schwäb:innen unter euch: das ist ’ne Flädlesupp.)

Lange warten mussten wir nicht – die Frittatensuppe war schon nach wenigen Minuten da, die Schnitzel kurz darauf. Die Wiener Schnitzel kamen zusammen mit einer Zitronenspalte und einem kleinen Töpfchen Preiselbeeren auf einem Teller, die Petersilkartoffeln in einer individuellen kleinen Schale.

Die Petersilkartoffeln

Petersilkartoffeln zum Wiener Schnitzel im Salm Bräu Wien
Petersilkartoffeln zum Wiener Schnitzel im Salm Bräu Wien

Ich habe ja mittlerweile gelernt, dass die Petersilie in Österreich »der Petersil« heißt. Gewöhnt habe ich mich an den Klang allerdings nicht, und ich bin froh, wenn ich übermorgen die Grenze nach Norden überschritten habe, um dem Kraut ungestraft wieder ein weibliches Pronomen verpassen zu dürfen.

Woran ich mich auch nicht gewöhnen kann: an den lappigen Geschmack der Petersilkartoffeln. In meinem Teil Deutschlands ist die normale Kartoffelbeilage die sogenannte Salzkartoffel (die natürlich in Restaurants ebenfalls mit Petersilie bestreut wird). Wie der Name schon sagt, werden die mit ordentlich Salz gekocht. Deutsche Kochrezepte betonen eigentlich immer, dass Kartoffeln viel Salz schlucken. Beispielhaft zitiere ich mal das Kochwiki:

Kartoffeln vertragen sehr viel Salz, d.h. mutig sein bei der Salzzugabe (Erfahrungssache). Als Faustregel gilt: 2 EL (30 g) Salz auf 1 Liter Wasser oder 1 Kaffeelot (20 g bzw. 20 ml) Salz auf 1 Liter Wasser oder 1 TL Salz auf 1 kg Kartoffeln. Es gibt Rezepte, nach denen man Kartoffeln in Meerwasser kocht, der durchschnittliche Salzgehalt der Ozeane beträgt 35 g Salz pro Liter Meerwasser.

In Wien hingegen wird bei Petersilkartoffeln sehr viel sparsamer mit Salz gearbeitet. Also wirklich: sehr viel sparsamer.

Das Kochwiki sagt zum Thema Petersilienkartoffeln (ja, dort nennt man sie in der deutschen Schreibweise, aber nennt das österreichische Rezept), dass ungesalzenes (!) Wasser zum Kochen genutzt wird. Gesalzen wird erst ganz am Schluss, wenn nämlich die gekochten (und gepellten Pell-) Kartoffeln durch geschmolzene Butter geschwenkt und mit Petersil(ie) bestreut werden.

Die Wiener Küche will also nicht Salz als Geschmacksträger einsetzen, sondern den Eigengeschmack der Kartoffel mit dem gehackten Küchenkraut betonen. Statt Salz dient ein Klecks Butter zur Hebung des Geschmackserlebnisses – und das dürfte vermutlich auch die gesündere Herangehensweise sein.

Das flache Geschmacksprofil der Petersilkartoffel ist also exakt so gewollt. Dass das auf meinen salzfokussierten norddeutschen Gaumen traurig und trostlos wirkt, ist nicht die Schuld des Salm Bräu (oder eines anderen Wiener Restaurants). Sie sind richtig zubereitet. Und darum ist es, glaube ich, fair, wenn ich die Petersilkartoffeln einfach gar nicht bewerte.

Das Wiener Schnitzel

Wiener Schnitzel und Preiselbeeren im Salm Bräu Wien
Wiener Schnitzel und Preiselbeeren im Salm Bräu Wien

Natürlich ist das Wiener Schnitzel im Salm Bräu vom Kalb. Es kostet 28,90 Euro und kommt mit einem ordentlichen Zitronenschnitz und einem kleinen Pöttchen Preiselbeeren.

Was dem:der geübten Schnitzelesser:in jedoch sofort ins Auge fällt, ist die verhältnismäßig kleine Größe.

Ein traditionelles Wiener Schnitzel ist großzügig bemessen – es ist oft größer als der Teller. Pro Person rechnet man dabei mit 150 bis 200 Gramm Kalbfleisch. Beim edlen Kalbsrücken werden aufgrund der kleineren Stücke oft zwei Schnitzel pro Person serviert.

Zum Vergleich zeige ich hier das Schnitzel im Salm Bräu am 6. Juli 2025 und einige andere Wiener Schnitzel, die ich in Wien im April 2023 auf dem Teller hatte.

  • Salm Bräu: Wiener Schnitzel mit Petersilkartoffeln und Preiselbeeren, 2025
  • Restaurant »Beim Hofmeister«: Wiener Schnitzel, 2023
  • Café Schwarzenberg: Wiener Schnitzel, 2023
  • Müllerbeisl: Wiener Schnitzel, 2023

Das Schnitzel im Salm Bräu ist mindestens ein Drittel kleiner als die Schnitzel der anderen Restaurants. Nur das Müllerbeisl liefert ebenso kleine Schnitzel – dort allerdings gibt es dann auch gleich zwei Schnitzel der Salm-Bräu-Größenordnung, was darauf hindeutet, dass dort möglicherweise der edle Kalbsrücken Verwendung findet (und trotzdem kostet das Wiener Schnitzel beim Müllerbeisl am heutigen Tag – gerade nachgeschaut – nur 23,90 Euro, also satte 5 Euro weniger als im Salm Bräu).

Jedenfalls war das Schnitzel heute so klein, dass ich die langweiligen Petersilkartoffeln fast alle aufgegessen habe, bloß um satt zu werden.

Okay, es ist klein. Aber taugt das Salm-Schnitzel denn was?

Farbe: Ein perfektes Wiener Schnitzel zeigt eine gleichmäßig goldbraune Farbe ohne dunkle Stellen. Gleichmäßig und goldbraun war es – es sah hervorragend aus. Die Farbe auf meinen Fotos ist leider nicht sonderlich überzeugend, weil das Umgebungslicht natürlich eine Rolle spielt. Aber in Wahrheit hatte es die absolut richtige Farbe.

Panade: Die Panade soll knusprig sein und beim Darüberstreichen mit der Gabel ein charakteristisches Knistern erzeugen. Geknistert hat es beim Streichen, beim Einstechen, beim Schneiden (bzw. Säbeln, weil die Messer da echt alle stumpf waren) und beim Hineinbeißen. Perfekt!

Aber das Markenzeichen eines perfekten Wiener Schnitzels ist natürlich die soufflierte Panade – sie muss sich wellenartig vom Fleisch abheben und aufgebläht sein, sich sogar leicht vom Fleisch lösen. Die charakteristische Wellenform entsteht durch das Schwimmen im heißen Fett und das kontinuierliche Schwenken der Pfanne. Eine flache, fest anliegende Panade würde hingegen auf eine fehlerhafte Zubereitung hindeuten.

Im Salm Bräu bekamen wir alle perfekt soufflierte Wiener Schnitzel. Dass die Panade beim folgenden Bild oben eng auf dem Fleisch aufzuliegen scheint, ist nur dem wirklich stumpfen Messer geschuldet, mit dem ich am Schnitzel herumsäbeln musste.

Wiener Schnitzel im Salm Bräu Wien
Wiener Schnitzel im Salm Bräu Wien

Geschmack: Ein perfektes Wiener Schnitzel überzeugt durch die Kombination aus knuspriger Panade und zartem, auf höchstens 4 mm Stärke geklopftes Kalbfleisch. Das Fleisch selbst hat einen milden und delikaten Geschmack, der durch die butterige Note des Butterschmalzes ergänzt wird, in dem das Schnitzel souffliert wird. Die Panade sollte trotz des Tauchbads in heißem Butterschmalz nicht fettig sein, sondern leicht und fluffig. Und all das traf auf mein Schnitzel zu.

Garnitur: Zum Wiener Schnitzel wird in Wien traditionell nur eine Zitronenspalte geliefert. Ich quetsche den Schnitz gern über dem Schnitzel aus (haha, Schnitz – Schnitzel, habt ihr gemerkt?), denn ich finde, dass der säuerliche Geschmack ganz wunderbar dazu passt. Mein Sohn hingegen findet das bescheuert und lutscht die Zitrone lieber gleich direkt aus. Dabei laufen mir immer kalte Schauer den Rücken runter, aber jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Das Salm Bräu hat auch noch ein Pöttchen mit sehr leckeren, nicht zu süßen Preiselbeeren dazugestellt – in Wien eigentlich unüblich, wie ich eben noch recherchiert habe. Preiselbeeren werden eher auf dem Land, besonders in der Steiermark, zum Schnitzel serviert.

Das Wiener Schnitzel im Salm Bräu fand ich handwerklich wirklich gelungen und geschmacklich überzeugend. Die Preiselbeeren hatte ich nicht erwartet, sie passten aber ausgezeichnet dazu. Mein Sohn, der bisher jeden Tag ein Wiener Schnitzel gegessen hat, fand es im »Stöckl im Park« (da habe ich – leider – einen Schweinsbraten gegessen) besser als im Salm Bräu, und er hat da sicherlich den besseren Vergleich. Aber was mich angeht, der keinen Vergleich hat, gebe ich dem Gericht für Verarbeitung, Geschmack und Garnitur eine glatte Schulnote 1.

Abzüge gibt es allerdings dafür, dass die Schnitzel, die wir im Salm Bräu bekommen haben, für Wiener Verhältnisse wirklich erschreckend klein waren. Und das wirkt sich negativ auf das Preisleistungsverhältnis aus.

Darum gebe ich als Gesamtnote eine 2-.

Garnitur-Exzesse

Apropos Garnitur. Da gab es historisch am k.u.k.-Hof neben dem Zitronenschnitz auch noch andere Bestandteile zum Wiener Schnitzel: So gab es nicht nur die Zitrone für die Frische, sondern auch Sardellen für eine intensive, umami-reiche Salzigkeit und Kapern für eine pikante, leicht säuerliche Note. Diese Kombination wirkte als Aromageber, der dem milden Kalbfleisch zusätzliche Geschmackstiefe verliehen haben soll. (Würde ich tatsächlich gern mal probieren.)

Außerhalb des Habsburgerreiches wurde das als »Wiener Garnitur« bekannt, sich sofort kulturell angeeignet und mit immer wilderen Dingen kombiniert. Plötzlich gab es neben Zitrone, Sardellen und Kapern zusätzlich Petersilie und Spiegelei (das mit dem Spiegelei kennen wir im Norden als »Schnitzel Holsteiner Art«, allerdings ist das ein Schweineschnitzel). Oder es gesellten sich kleine Pfeffergurken und geschnittene Salzgurken hinzu.

Aber den Vogel schoss wohl der Begründer der Haute Cuisine ab, nämlich Georges Auguste Escoffier. Der machte aus der »Wiener Garnitur« eine Wissenschaft und belegte das Wiener Schnitzel mit einer entkernten Zitronenscheibe, einem Sardellenfilet und einer darauf platzierten Olive und drapierte um das Schnitzel ein Häufchen Kapern, ein Häufchen Eigelb und ein Häufchen Eiweiß.

In Wien selbst findet man das wohl alles ziemlich albern. Hier gibt es die Zitronenspalte und gelegentlich Preiselbeeren zum originalen Wiener Schnitzel. Und das ist auch okay so.

Mein Fazit zum Wiener Schnitzel im Salm Bräu

Es kann sein, dass wir heute einfach Pech mit der Größe unserer Schnitzel gehabt haben, deshalb möchte ich euch nicht davon abhalten, dem Salm Bräu in Wien einen Besuch abzustatten. Es ist gemütlich, das hausgebraute Bier ist lecker (ich hatte ein überraschend fruchtiges Pils und ein Helles), und auch die anderen Gerichte, die auf und ab getragen wurden, sahen fantastisch aus. Eine Reservierung scheint mir aber auf jeden Fall sinnvoll zu sein, denn der Laden ist immerzu gerammelt voll, wenn wir dran vorbeigehen. Und wir gehen dauernd dran vorbei, weil unser Hotel quasi nebenan ist.

Leerer Schnitzelteller im Salm Bräu Wien
Leerer Schnitzelteller im Salm Bräu Wien

Mein Besuch im Stöckl im Park: Kulinarische Entdeckungen in Wien

»Wien, nur Wien, du kennst mich up, kennst mich down«, so sang Falco in »Vienna Calling«. Genau so geht es mir jedes Mal, wenn ich in der Stadt an der Donau bin. Denn jedes Mal, wenn ich in der Stadt an der Donau bin, fühle ich mich nicht nur kulturell, sondern auch kulinarisch rundherum verstanden.

Heute war ich mit meiner Familie bei 36 °C Außentemperatur im »Stöckl im Park«. Der Besuch war nur eine Notlösung, denn der Laden, bei dem wir eigentlich reserviert hatten, war überraschenderweise geschlossen. Ein handgeschriebener Zettel an der Tür ließ uns etwas ratlos zurück. Denn wir hatten Hunger, und es war gerade 18:45 Uhr, also überall Hochbetrieb in den Restaurants. Und wir waren mit sechs Personen unterwegs – die kriegt nicht jeder Laden mal eben unangekündigt unter.

Das »Stöckl« lag nur ein paar Hundert Meter von unserem eigentlichen Restaurant entfernt. Normalerweise hätte ich das gar nicht angesteuert, denn die Bewertungen zum Essen und zum Service sind ziemlich durchwachsen, besonders, wenn man nicht nur auf einer Bewertungsplattform schaut. Viele Gäste loben das freundliche Personal, das schöne Ambiente und die Qualität mancher Gerichte. Andererseits gibt es aber auch die exakt gegenteiligen Rezensionen: harsche Kritik an einzelnen Speisen, die teilweise als lieblos zubereitet oder nur aufgewärmt empfunden werden, an der Lautstärke und am Preis-Leistungs-Verhältnis. Und der Service wird für meinen Geschmack viel zu häufig als viel zu lausig beschrieben.

Aber es war einfach nichts anderes in der Nähe, das mal eben spontan Platz für sechs Personen bot. Es half also nichts – notgedrungen mussten wir hinein.

Das Ambiente

Das »Stöckl im Park« ist eine Brauerei und Gaststätte im 3. Wiener Bezirk, gelegen im Schwarzenberggarten an der Prinz-Eugen-Straße. Es verfügt nicht nur über einen Gastraum (vielleicht sind es sogar mehrere, das habe ich in der Eile nicht richtig sehen können), sondern vor allem auch über einen weitläufigen, sehr schönen Biergarten mit laut Website 4.000 Quadratmetern Fläche und schattigen Bäumen. Den haben wir aber wegen der drückenden Hitze gar nicht in Betracht gezogen – wir haben stattdessen im kühlen Souterrain Platz genommen.

Die Einrichtung dieses Souterrains war modern und zweckmäßig, aber doch mehr oder weniger rustikal-gemütlich – eine seltsame Mischung, die ich auch jetzt in der Nachbetrachtung nicht richtig greifen kann, die aber irgendwie doch stimmig zusammenpasst. Wir saßen auf erstaunlich bequemen Sitzbänken an zwei aneinander geschobenen quadratischen Holztischen ohne Tischdecken oder anderen Schnickschnack. Bonus bei dieser Platzierung: Die Getränketheke war in unmittelbarer Nähe, das gezapfte Kaltgetränk kam perlend frisch an den Tisch.

Der Service

Wir wurden von Christian bedient, einem dauerlächelnder Mann irgendwo in seinen 20ern, 30ern oder 40ern (absolut unmöglich zu sagen), der uns sofort gutherzig duzte, obwohl viel, viel, VIEL ältere Personen am Tisch waren. Seine Augen blitzten, seine Stimme war warm, und seinen Wiener Dialekt hatte er klar unter Kontrolle. Für mich als Norddeutscher war nicht einmal auszumachen, ob er überhaupt wirklich herumwienern könnte – er sprach nämlich so bemüht Deutsch mit uns doofen Piefkes, dass er am Ende, als es um den Nachtisch ging, grundsätzlich nur von »Sahne« sprach, obwohl doch jede:r weiß, dass das hierzulande »Obers« heißt.

Aber ich ahne, warum der Service in den Bewertungen so widersprüchlich bewertet wird. Denn für viele meiner ach-so-zartbesaiteten Landsleute kommt alles Österreichische irgendwie »grantelnd« daher. Insbesondere der Wiener Dialekt wird pauschal als »arrogant«, »überheblich« und »pikiert« empfunden, so als blicke das ganze hochkulturelle Wien naserümpfend auf die primitiven Piefkes aus dem Flachland herab. Wenn man aber so empfindet und dann auch noch mir-nichts-dir-nichts einfach so von einer in der sozialen Hackordnung weeeeeeeeit unter einem stehenden Servicekraft ungefragt geduzt wird, dann wird der Service halt als schlecht wahrgenommen. Weil man ihn als schlecht wahrnehmen will, nicht weil er schlecht ist.

Zurück zu unserem Service: Wir fanden ihn nicht schlecht. Nein, ganz und gar nicht. Der Laden brummte, Christian und seine Kolleg:innen hatten alle Hände voll zu tun, und trotzdem war das ganze Personal immer mit einem Lächeln da, standen unsere Getränke schnell auf dem Tisch, und auch das Essen ließ nicht lange auf sich warten.

Die Bestellung

Apropos Essen.

Mein Sohn, meine Frau und meine Schwägerin bestellten sich das Wiener Schnitzel, meine Schwiegermutter das Biergulasch vom Weiderind und mein Schwiegervater den Zwiebelrostbraten, auch vom Weiderind. Dazu werde ich hier aber nichts sagen, obwohl ich überall mal genascht habe. (Nur eins: Der Kartoffelsalat, der zum Wiener Schnitzel kommt, war phänomenal.)

Ich orderte den Schweinsbraten mit Bierkraut, Grammeln und Serviettenknödel für einen Preis von 19,90 Euro. Dazu nahm ich einen halben Liter Wiener Helles 1924 mit einer Stammwürze von 12,2° und 4,90 % Umdrehungen zu 5,40 Euro.

Was diese Grammeln sind, wusste ich nicht. Aber ich bin ja schließlich in Österreich, um meinen Horizont zu erweitern, statt aus lauter Angst vor Neuem schon wieder zu Kentucky Mc King zu rennen.

Als die Gerichte dann nach einiger, aber nicht zu langer Zeit kamen, sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen.

Vor mir stand eine Pfanne mit 24 cm Durchmesser, randvoll mit Fleisch, Kraut, Knödeln und Soße. Für die Gesundheit gab’s auch noch ein wenig gehackte Petersilie obendrauf. Ach ja, und irgendwo waren auch noch diese Grammeln. Oder war »Grammeln« womöglich österreichisch für gehackte Petersilie? Ich konnte nicht nachschauen, denn im Souterrain hatte ich keinen Empfang.

Der Duft, der der Pfanne entströmte, war ziemlich verführerisch. Das musste ich sofort probieren!

Die Soße

Der erste Bissen, und sofort war die Soße da.

Viel zu oft wird in der Gastronomie eine hauptsächlich salzige Bratensoße aus der Tüte serviert. Bäh.

Aber diese hier?

Klar, das Salz war auch hier mit dabei, ja, aber sie war eben auch irgendwie anders. Ein Hauch von Bitternoten wie aus Schwarzen Johannisbeeren, eine zarte, leichte fruchtige Süße, gleichzeitig noch umami – diese Bratensoße war eine wahre Geschmacksexplosion. Sie war wunderbar. Sie war komplex, und das ist ein Attribut, das ich in meinem ganzen Leben wohl noch nicht im Zusammenhang mit einer Bratensoße benutzt habe.

Heute muss ich es benutzen. Diese Bratensoße war komplex, sie knallte, sie schmeckte fantastisch. Ich liebe diese Soße!

Wenn nun aber schon die Bratensoße so gut ist, wie wird das wohl bei den anderen Komponenten sein? Beim Bierkraut? Beim Schweinsbraten? Bei den Serviettenknödeln? Und bei diesen mysteriösen Grammeln?

Das Bierkraut

Anders als Sauerkraut wird Bierkraut nicht fermentiert, sondern der geschnittene Kohl wird mit (meist hellem) Bier, angeschwitzten Zwiebeln und Gewürzen geschmort, je länger, desto besser. Manchmal ist noch Speck dabei oder anderes Fleisch, das dann für eine besondere Note sorgt. Bierkraut ist eine tolle Beilage für alle möglichen Gerichte. Außerdem ist es super für gewisse rumpubertierende Familienmitglieder, denen die Säure von Sauerkraut aufstößt. Denn Bierkraut ist viel milder.

Ich kenne Bierkraut so, dass es als eigenständige Komponente auf dem Teller angerichtet liegt. Daneben finden sich dann Knödel (Fleisch ist optional), und dazu gibt es dann einen Klecks Soße – in der Regel viel zu wenig für die häufig recht trockenen Knödel.

Über zu wenig Soße konnte ich mich beim Schweinsbraten im »Stöckl im Park« auf jeden Fall nicht beschweren – denn hier war das Gericht nicht auf einem Teller angerichtet.

Sondern in einer Pfanne.

Eine Pfanne, die randvoll mit Soße war. So randvoll, dass das Bierkraut sich damit vollgesogen hatte. Es war mir vollkommen unmöglich, das Kraut als solches zu schmecken.

Wäre das ein Sauerkraut gewesen, hätte es sich wenigstens durch seine säuerliche Note von der Soße abgehoben. Aber mildes Bierkraut? Das ordnete sich der Dominanz der Soße leider gänzlich unter und fügte für mich lediglich eine sensorische Wahrnehmung hinzu, nämlich in Form von weicher Masse.

Und das ist schade, denn wenn ich ausschließlich nach der Sensorik gehe, scheint mir das ein hervorragendes Bierkraut gewesen zu sein. »Weiche Masse« klingt eklig, aber hier ist das eigentlich ein Qualitätsmerkmal. Superweiches Kraut ist ein Zeichen dafür, dass es sehr lange geschmort wurde – das ist ein Aufwand, der im eiligen Hopplahopp von Gastronomieküchen nur selten durchgeführt wird, weil Aufwand nämlich teuer ist.

Ich würde das Kraut echt mal gerne direkt aus dem Topf probieren. Denn ich vermute, dass es für sich genommen dieselbe hohe Güte wie die Soße hat. Jammerschade, dass diese Qualität im wahrsten Sinne des Wortes in einer Pfanne untergehen muss.

Der Schweinsbraten

Insgesamt wurden mir drei großzügige Scheiben Schweinsbraten serviert. Das Fleisch war wunderbar zart – ich hätte es mit einem Löffel zerteilen können. Nirgends, wo ich einen Schweinebraten gegessen habe, habe ich bisher eine derartige Zartheit erlebt. Häufig ist das Fleisch dröge und trocken – hier nicht. Es schmolz mir förmlich im Mund. Ganz offenbar kauft das »Stöckl im Park« für seinen Schweinsbraten ein richtig hochwertiges Stück Fleisch ein, das dann mit viel Können schonend über einen längeren Zeitraum zubereitet wird. Wie schon beim Bierkraut: Je länger es geschmort wird, desto zarter wird es. Hier denkt also jemand mit. Hier möchte jemand hervorragend gegarte Produkte servieren.

Aber dann kommt die Pfanne.

Und in dieser Pfanne wird der Braten in einer Soße ersäuft. Eine fantastische Soße. Aber ersäuft ist ersäuft.

Es war ein Elend. Wie schon zuvor beim Bierkraut – ich hatte keinerlei Chance, den Braten an sich zu genießen. Alles schmeckte bloß schon wieder nach dieser fulminanten Soße. Das Fleisch fügte dem Ganzen lediglich ein weiteres Mundgefühl hinzu.

Der Serviettenknödel

Ich kann es nicht oft genug wiederholen, wie toll die Soße war. Ich meine das wirklich. Natürlich waren auch die Serviettenknödel tief in diese Soße getaucht. Entsprechend schmeckten sie auch ausschließlich danach. Aber das hat mich hier mal ausnahmsweise nicht gestört.

Jetzt brauchen wir einen kleinen Exkurs.

Kennt ihr Stangenei? Nein? Dann schaut mal kurz hier vorbei, bevor ihr weiterlest.

Habt ihr gelesen? Habt ihr gesehen?

Okay, jetzt, wo ihr Stangenei kennt, kommen wir zum Serviettenknödel zurück. Denn als ich von diesen Scheiben aß, sprang mir alles Negative in den Kopf, was ich mit Stangenei assoziiere. Irgendwie wabbelig, industriell, unschön, auch ein bisschen unappetitlich.

Ausgerechnet.

Denn ich hatte mich wegen des Knödels für dieses Gericht entschieden.

Normalerweise ist Schweinebraten ja nicht so toll zart wie dieser, sondern dröge und trocken. Normalerweise hätte ich mich darum für den Zwiebelrostbraten entschieden, den mein Schwiegervater nun mit großem Appetit verschmauste und der fantastisch aussah. Aber ich liebe nun mal Semmelknödel, Serviettenknödel, Speckknödel und all diese süddeutschen und österreichischen Herrlichkeiten, und bei uns im Norden kriege ich die nirgends. Darum war der Serviettenknödel für mich ausschlaggebend für meine Bestellung.

Und dann diese Enttäuschung. Das konnte dann auch die phänomenale Soße nicht retten.

Die Grammeln

Lasst euch noch einmal kurz daran erinnern, dass ich keinen Plan hatte, was »Grammeln« sind. Mangels Internetempfang konnte ich auch nicht vor Ort nachschauen. Meinte das vielleicht tatsächlich die Petersilie?

Nun: nein.

Grammeln haben nichts mit Petersilie zu tun. Die gute, alte Petersilie heißt auf Österreichisch übrigens »Petersil« und ist überraschenderweise männlichen Geschlechts, also »der Petersil«. Da klappt dem Gastronator aus dem dialektfreien Hochdeutschland doch vor lauter regionaler Besonderheit glatt das Kinn in die leckere Bratensoße.

Dieses sprachliche Zuckerl konnte ich jetzt, wo ich im Hotel sitze und diesen Text schreibe, im Internet in Erfahrung bringen.

Und bei der gleichen Gelegenheit habe ich mal nach »Grammeln« geschaut. Aha! Da wo ich herkomme, sind das »Grieben«. Sie entstehen, wenn roher Schweinespeck in kleine Würfel geschnitten und gaaaaaanz langsam erhitzt wird, sodass das Fett ausläuft und nur die knusprigen Rückstände übrig bleiben. (Und wie die knuspern!)

Diese Grammeln waren als eine Art Topping über das ganze Gericht gestreut, so wie Croutons über einen überteuerten Salat. Sie knusperten unwirklich gut, und das, obwohl sie die ganze Zeit über in der Soße lagen und eigentlich hätten weich werden müssen. Das ist doch schon wieder ein Zeichen einer exzellenten Küche.

Die Grammeln retteten tatsächlich die ganze Pfanne. Denn immer mal wieder, wenn ich eine Gabel voll mit irgendwas nahm, überraschte mich die Knusprizität eines kleinen Speckwürfels, der sich irgendwo reingemogelt hatte – in das Kraut oder auf ein Stück Fleisch, und mit ein paar Grammeln wurden sogar die Knödel erträglich.

Die schiere Menge und ein Fazit

Die Masse an Nahrung, die vor mir in dieser Pfanne lag, hat mich komplett überwältigt. Drei Stück Fleisch, eine recht großzügige Portion Kraut und die Serviettenknödel als Sättigungskomponente, dazu die reichhaltige Soße und auch noch die Grammeln – etwas mehr als zwei Drittel der Portion habe ich geschafft, dann musste ich aufgeben. (Ich gebe aber mal vorsichtshalber dem gehackten Petersil die Schuld dafür, dass ich nicht aufessen konnte.) Der Preis für den Schweinsbraten liegt bei 19,90 Euro – das Preisleistungsverhältnis ist, bezogen auf die Portionsgröße, der Hammer.

Aber lieber wäre mir offen gesagt eine kleinere Portion mit klarer definierten Komponenten, die ich dann auch differenziert schmecken und separat genießen kann.

Liebes »Stöckl im Park«, ich glaube, dass ich diesem Gericht heute Abend eine Schulnote 2 (mit Fleißbienchen!) hätte geben können, wenn ihr es mir einfach auf einem Teller serviert hättet, statt es in dieser unfassbar leckeren Soße zu ersaufen. Rustikaler Schick solcher Pfannenpräsentationen hin und her, aber wenn alles einheitlich nach Soße schmeckt, ganz egal, wie gut sie ist, bleibt die Gaumenfreude echt auf der Strecke. Und das ist schade. Denn wie ich oben mehrfach angemerkt habe – ich konnte es fühlen, wie gut ihr in Wahrheit kochen könnt.

Naja, bis auf den Knödel. Bei dem ist irgendwas furchtbar schiefgegangen.

So komme ich für dieses Gericht leider, leider nur auf eine 4 (immerhin auch mit Fleißbienchen).

Das gute Ende kommt zum Schluss

Natürlich gab’s noch einen Nachtisch. Ein Eis (mit Schlagsahne? WTF, Christian! Wir sind hier doch nicht in Hochdeutschland!) für den Sohn, die Schwägerin und den Schwiegervater, ein Kleiner Brauner für mich.

Ein Kleiner Brauner, wie er in Wien serviert wird.
Ein Kleiner Brauner, wie er in Wien serviert wird.

Ein Kleiner Brauner ist eine klassische Wiener Kaffeespezialität.

Er besteht aus einem Mokka (in Österreich versteht man darunter einen dem Espresso nicht unähnlichen Kaffee, der aber mit längerer Extraktionszeit und geringerem Druck als ein echter italienischer Espresso zubereitet wird) und wird mit einem Schuss Milch oder auch Schlagobers serviert (also Sahne – für all jene, die es noch immer nicht kapiert haben. Looking at you, Christian!). Der Name »Brauner« leitet sich übrigens von der Färbung ab, die der Kaffee durch die Milch oder den Schlagobers erhält.

Die Milch (oder der Obers) wird üblicherweise in einem kleinen Kännchen dazu gereicht, damit man die gewünschte Menge selbst hinzufügen kann, so natürlich auch im »Stöckl«. Ich habe, gierig wie ich nun mal bin, die komplette Milch hineingegeben. Sie war heiß und ein bisschen aufgeschäumt.

Und so kam ich zum besten Kaffee, den ich seit Langem getrunken habe.

Ein versöhnliches Ende also im »Stöckl« für mich.

Mit diesem Bericht habe ich diesen Blog nach 13 langen Jahren reaktiviert. Unglaublich.

Schnitzel Diavolo im Steakhaus Kampe

Der exklusive Schnitzelclub, dem ich sehr zum Bedauern meiner Personenwaage angehöre, war gestern im Steakhaus Kampe im Hannoverschen Stadtteil Bothfeld.

Vorab gab es frisches, noch warmes Mischbrot mit dazu gereichtem Schmalz, einer Art – möglicherweise selbst hergestelltem – Ketchup ungarischer Art sowie einem grünen, sehr frisch schmeckenden und sehr leckeren Dip. Anschließend gab es einen kleinen, gemischten Salat.

Als mein Schnitzel kam, war ich visuell ziemlich enttäuscht – neben dem Schnitzel, das teilweise unter der Sambalsauce verborgen lag und dessen ansonsten knusprige Panade darunter absoff, lagen zwei einsame Palmherzen und ein paar armselige Kroketten auf dem Teller. Keine Deko, die die Speise wenigstens ein wenig optisch aufwerten würde – nicht mal eine Tomatenspalte oder ein Salatblatt.

Immerhin – das Schnitzel schmeckte sehr gut. Es war butterzart und in einer Art Butterschmalz gebraten, da, wo die Panade nicht von der ebenfalls leckeren (und gar nicht so teuflisch scharfen) Diavolo-Sauce aufgeweicht worden war, war sie annähernd perfekt gebraten (nur ein bisschen zu fest).

Auf die Palmherzen hätte ich gerne auch verzichtet, wenn das mit 11,50 Euro doch recht teure Gericht dann einen Euro günstiger geworden wäre. Und Kroketten sind halt Kroketten. Wer’s mag – bitteschön. Ich hatte das bei der Bestellung nicht wahrgenommen, sonst hätte ich lieber Pommes frites, Bratkartoffeln (mit 1,50 Euro Aufpreis!) oder schlicht Brot dazu genommen.

Fazit: Leckeres Schnitzel und viel vorneweg. Bei den Beilagen kann Kampe noch verbessern und die Preise nochmals prüfen. Insgesamt empfinde ich das Gericht als zu teuer.

Schnitzel gibt es im Steakhaus Kampe nur mittwochs.

Schnitzel Wiener Art im Gilden im Zims

Endlich bin ich mal woanders als in Hannover, nämlich in Köln in der Vorkarnevalszeit. Eingeladen worden bin ich, um an einer Presseveranstaltung teilzunehmen, und zwar in einem altehrwürdigen Gasthaus, nämlich dem »Gilden im Zims«.

Die Lokalität ist absolut super – die alten Backsteine hat man vom Putz befreit und zeigt sie in voller Pracht. Die Räume sind sehr verwinkelt und schaffen eine intime Atmosphäre, obwohl eigentlich alles offen steht.

Zunächst gibt es »Kölsche Tapas« – dahinter verbergen sich Schnittchen und Frikadellen. Das berühmteste Schnittchen dürfte wohl der »Halve Hahn« sein, der mitnichten was mit Hühnern zu tun hat, sondern ein Käsebrot ist. Mit Gurke.

20120214-191355.jpg

Die Schnittchen sind total okay, und sie würden problemlos bis zum Abend vorhalten. Aber zwischen ihnen und dem Abend liegen noch zwei Gänge – glücklicherweise mit einigem zeitlichen Abstand.

Mein zweiter Gang besteht aus einem riesigen, fein plattgeklopften und sehr zarten Schnitzel Wiener Art mit einem beinahe schon vulgär großen Berg fantastischer Bratkartoffeln. Einzig die würzige Panade hätte einen Hauch fluffiger ausfallen können (aber das sage ich nur, weil ich unbedingt rummäkeln will). Das Schnitzel und die Bratkartoffeln waren wirklich sehr, sehr gut. Und ich habe die Hälfte der Kartoffeln und den kompletten, mitgelieferten Salatteller übrig lassen müssen, denn: nichts ging mehr.

20120214-191415.jpg

Mit gottlob einer erneuten kleinen Pause schob uns der immer aufmerksame Service schließlich noch das Dessert unter: einen Apfelstrudel. Vielleicht sollte man aber den Dom lieber in Köln lassen bzw. die Kirche im Dorf – Apfelstrudel gehört nicht ins Rheinland. Und so fühlte er sich auch an – ein Fremdkörper. Sehr trocken, sehr fest, geschmacklich allerdings völlig okay, und das obwohl Zimtzucker darüber gestreut war. Die mitgelieferte warme Vanillesauce, die ich schließlich über das trockene Dings löffelte, ließ den Strudel dann akzeptabel matschig werden, so dass ich letztendlich sagen kann: nicht gerade super, aber in Ordnung.

Hervorheben kann ich aber wirklich den Service (ein junger Mann übrigens), der immer da war, wenn man ihn brauchte, sich ansonsten aber im Hintergrund aufhielt. Ach ja, erwähnte ich, dass ich auch Schnitzel und Bratkartoffeln toll fand?