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Bergeweise Fleisch: Die Argos-Platte im »Pallas«

Es gibt Abende, die sich einfach zufällig so ergeben – unplanmäßig, spontan, und am Ende doch besser als erwartet. Mein Teenager-Sohn und ich hatten an einem Montagabend im Januar eine lähmend langweilige Pflicht-Schulveranstaltung in Springe besucht. Springe. Für alle, die sich das gerade auf der Karte suchen: das ist diese verschlafene Kleinstadt südlich von Hannover, an der man normalerweise vorbeifährt, ohne innezuhalten. Und genau darum wohnen wir da.

Als die Veranstaltung mit starkem Verzug endete, war es längst Abendessen-Zeit, wir hatten Hunger, und das »Pallas« – ein griechisches Restaurant, an das ich mich noch aus meiner 40 Jahre zurückliegenden Jugend erinnerte – war offen. Also: hinein!

Das Ambiente

Das Restaurant Pallas ist eine Zeitkapsel aus den späten 1980er Jahren.

Das »Pallas« ist das, was ich liebevoll als »klassisch griechisch« bezeichnen möchte. Und damit meine ich nicht das moderne, aufgeräumte griechische Restaurant mit weißgetünchten Wänden und dezenten blauen Akzenten, sondern den Dorfgriechen der 1980er und 1990er Jahre.

Seit meinem letzten Besuch vor 30, 40 Jahren hatte sich so gut wie nichts verändert: Holzverkleidungen, gepolsterte Sitzbänke mit floralen Bezügen, eine wuchtige Theke aus dunklem Holz mit Barhocker-Bestuhlung, Kieselsteindekoration, eine kitschige Statue aus Fake-Marmor als Raumteiler – und ein Schild »Vorsicht Stufe!«, das einem sagt, dass man hier wirklich aufpassen sollte, wo man hintritt.

Das könnte auch eine deutsche Kneipe sein.

Das klingt jetzt schlimmer als es ist. Das »Pallas« ist gemütlich. Es war (anders als draußen, wo es echt ungemütlich war an diesem Januarabend) warm, es war belebt, und es hatte diese angenehme Patina eines Lokals, das seit Jahrzehnten existiert und von seinen Stammgästen geliebt wird.

Wer moderne Restaurantästhetik sucht, ist hier falsch. Wer einfach nur in Ruhe essen möchte, ist genau richtig.

Der Service

Bedient wurden wir von einem älteren Herrn. Aufmerksam, freundlich, unkompliziert. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen, und ich sage es als jemand, der schon sehr viel schlechteren Service erlebt hat. Niemand hat uns unter Zeitdruck gesetzt, niemand war aufdringlich. Das Essen kam angemessen schnell (oder angemessen langsam?), und wenn wir neue Getränke haben wollten, war der Herr ziemlich schnell da. Einfach gut.

Die Bestellung

Ich schaute mir die Karte an, und natürlich landete ich bei den Platten. Die Karte des »Pallas« ist in dieser Hinsicht bemerkenswert klischeehaft strukturiert: Die meisten Platten sind nach einer Figur der griechischen Mythologie benannt und kombiniert verschiedene griechische Gastro-Klassiker. Da gibt es etwa die Helena-Platte. Was die legendär schöne Königin von Sparta und Auslöserin des Trojanischen Krieges mit Gyros und Souvláki zu tun hat, erschließt sich mir jedoch nicht. Oder die Eirene-Platte, benannt nach der Friedensgöttin und Tochter von Zeus, die Gyros und zwei Suzukakia umfasst. Und dann, womöglich benannt nach dem Hund des Odysseus, die Argos-Platte.

Hund hin oder her (ich bin mehr so der Katzenmensch), die Argos-Platte hatte es mir angetan: Gyros, ein Souvláki und zwei Suzukakia für 18,60 €.

Bestellt.

Mein weniger experimentierfreudiger Teenager entschied sich – wie immer bei einem griechischen Lokal – für einen einfachen Gyros-Teller. Solide Wahl, aber etwas langweilig für mich. Naja, Teenager halt.

Die Argos-Platte

Die Argos-Platte im Restaurant Pallas in Springe: Gyros, Souvlaki, 2 Suzukakia, Pommes frites, Zwiebelringe, Salatblatt mit Tzatziki
Die Argos-Platte im Restaurant Pallas in Springe: Gyros, Souvlaki, 2 Suzukakia, Pommes frites, Zwiebelringe, Salatblatt mit Tzatziki

Was dann auf den Tisch kam, war – und ich sage das ohne jede Übertreibung – eine riesige Portion. Der große Teller war voll bis an die Ränder. Ein Berg von Fleisch: Gyros, Souvláki, zwei Suzukakia, dazu Pommes, Zwiebelringe, eine Zitronenspalte und ein ordentlicher Klecks Tzatziki. Das war keine Mahlzeit. Das war eine Aussage.

Das Gyros

Das Gyros im »Pallas« bestand aus relativ kleinen Fleischstückchen – meistens habe ich Gyros eher in dickeren Stücken erlebt. Hier war es kleiner, kompakter, filigraner. Aber: es schmeckte. Und wie. Der Geschmack war zurückhaltend in der Würze – kein Knoblauch-Bombardement, keine aggressive Marinade –, aber trotzdem intensiv. Da war irgendwie Tiefe drin. Etwas, das ich nicht sofort benennen könnte, das mir aber angenehm auf der Zunge blieb.

Für mich war diese Komponente eine hervorragende Schulnote 2+.

Das Souvláki

Klassisch besteht Souvláki aus gewürzten Fleischwürfeln (in Griechenland meist Schwein, alternativ Huhn, Lamm oder Rind), die auf Spieße gesteckt und über hoher Hitze gegrillt werden; typischerweise werden sie zuvor in einer Mischung aus Olivenöl, Zitronensaft, Knoblauch, Oregano, Salz und Pfeffer mariniert.

Das Souvláki war mein persönlicher Favorit des Abends. Es war perfekt gegart – und das ist bei Souvláki gar nicht so selbstverständlich, wie man denken könnte. Wer schon mal gummiartiges, totgebratenes Souvláki gegessen hat, weiß, was ich meine.

Das hier hatte hingegen noch ordentlich Biss, war saftig, und man schmeckte tatsächlich den Grill: Rauch, Flammen, diese kleine, leicht verkohlte Note an den Rändern. Genau das ist es, was ein gutes Souvláki ausmacht – außen gebräunt mit etwas Röstaroma, innen noch saftig statt trocken. Gewürzt war es ähnlich wie das Gyros – eher zurückhaltend, aber mit Substanz.

Schulnote 1. Ohne Wenn und Aber.

Die Suzukakia

Jetzt müssen wir kurz innehalten, denn Suzukakia war ein Begriff, den ich zuvor nicht kannte – und den ihr vielleicht auch nicht kennt.

Kleiner Exkurs: Suzukakia (griechisch: σουτζουκάκια bzw. σουζουκάκια) sind längliche, wurstförmige griechische Hackfleischröllchen, oft auch »Smyrna-Würstchen« genannt. Sie stammen ursprünglich aus der damals mehrheitlich griechisch geprägten Stadt Smyrna an der türkischen Ägäis (heute Izmir) und kamen nach der brutalen Eroberung der Stadt durch die türkische Armee im Jahr 1922 mit griechischen Flüchtlingen nach Griechenland.

Traditionell werden sie aus Hackfleisch (meist Rind, manchmal gemischt mit Lamm oder Schwein), eingeweichtem Brot oder Semmelbröseln, Knoblauch, reichlich Kreuzkümmel sowie Pfeffer und Salz zubereitet; oft kommen noch etwas Zimt oder Piment und ein Schluck Rotwein in die Masse.

Klassischerweise werden die Suzukakia zunächst angebraten oder leicht frittiert und anschließend in einer pikanten Tomatensauce aus gewürzten Tomaten sanft fertiggeschmort – so kennt man sie in Griechenland am häufigsten. Das »Pallas« serviert sie hier allerdings als gebratene Version auf der Platte, ohne Sauce, was zwar weniger traditionell ist, aber durchaus vorkommt, wenn man den Fokus auf das Fleisch und die Röstnoten legen möchte.

Die beiden Suzukakia auf meiner Platte waren, kurz gesagt, außergewöhnlich zart. So zart, dass sie beim Anschneiden fast auseinanderfallen. Sie schmecken, als wären sie von Flammen geküsst worden – ein schöner, leicht rauchiger Ton, der sich mit dem Fleischgeschmack verbindet. Keine aufdringliche Würze, aber ein sehr guter Gesamteindruck.

Schulnote 1–, weil ich das gern mit der Tomatensauce getestet hätte.

Das Tzatziki

Sagen wir, wie es ist: Tzatziki ohne massiven Einsatz von Knoblauch ist eine Beleidigung. Meine Frau macht daher stets einen so großen Bogen darum, dass man annehmen könnte, sie sei frisch aus Transsylvanien angeflattert gekommen.

Die traditionelle Joghurtsauce hier im Pallas ist kein Tzatziki für Leute, die zart besaitet sind. Mit diesem Tzatziki brauchst du keine Angst vor Vampiren zu haben. Wenn du am nächsten Morgen zum Zahnarzt musst, wundere dich nicht, dass dieser, sobald du deinen Kiefer aufsperrst, leblos in sich zusammensackt. Das ist ein Tzatziki für Leute, die Tzatziki vertragen können.

Das ist ein Tzatziki wie es sein muss.

Schulnote 1.

Die Pommes

Die Fritten im Pallas erschienen mir verhältnismäßig salzfrei. Das fiel mir auf, weil ich es einfach nicht erwartet habe – Pommes im Gastrokontext sind meistens viel zu salzig. Diese hier litten nicht an Salz-Overkill, was für mich okay ist. Aber wozu dann überhaupt Pommes? Naja, alles in allem: anständige Qualität.

Sagen wir, Schulnote 3.

Der Tomatenreis

Auch der Tomatenreis erschien mir reichlich ungewürzt, was auf den ersten Blick wie ein Manko klingt. War es aber gar nicht. Der Reis war buttrig zart und hatte eine deutliche Tomaten-Note, die ihm trotz fehlender expliziter Würze Charakter gab. Er setzte auch einen guten Kontrapunkt zu den intensiven Aromen des Fleisches und des Tzatzikis. Der Reis war irgendwie der stille Typ am Tisch, der nichts sagt, aber am Ende den Abend die nötige Ruhe verleiht.

Nix Dolles, aber eine solide Schulnote 2.

Fazit

Die Argos-Platte im »Pallas« in Springe ist für 18,60 € ein gutes Angebot. Die Menge war beeindruckend, die Qualität bei den gegrillten Komponenten – Souvláki und Suzukakia besonders – überraschend hoch. Das Gyros überzeugte, ohne dabei zu glänzen, das Tzatziki hingegen war genau so, wie Tzatziki sein sollte, und die Beilagen erfüllten ihren Zweck ohne Aufsehen.

Was mich positiv irritiert hat: die Zurückhaltung bei der Würze, die trotzdem zu einem intensiven, aromatischen Geschmackserlebnis führt. Das ist kein einfaches Kunststück.

Würde ich noch einmal hingehen? Aber absolut. Trotz des Ambientes. Und beim nächsten Mal werde ich mir die Nikos-Platte mit den Lammkoteletts anschauen – die interessiert mich.

Thumbs up vom Gastronator.