Es gibt eine kleine Tradition im Kreis der Freundinnen meiner Frau, die noch aus ihrer Studienzeit stammt: Im Herbst treffen sich die Freundinnen zentral in Bonn, um Zwiebelkuchen zu backen und Federweißen dazu zu trinken. Und da dürfen sehr zu meiner Freude (ich liebe Zwiebelkuchen und Federweißen!) auch ihre Männer dabei sein.
Dank Corona fanden diese Zusammenkünfte lange nicht statt. Nun war es aber endlich einmal wieder so weit. Zwiebelkuchen und Federweißer waren wie gewohnt super, aber am nächsten Tag wollten wir dann doch lieber was anderes haben. Und so verschlug es unsere kleine Gruppe zum vietnamesischen Restaurant Cây Tre in Bonn.
Das Ambiente
Das Gebäude, in dem das Restaurant liegt, ist nicht besonders breit, dafür aber tief: ein Schlauch. Glücklicherweise hatten wir rechtzeitig reserviert, denn es war zum Bersten voll und auch entsprechend laut. Wenn man hereinkommt, führt linkerhand eine recht steile Treppe ins obere Geschoss, wo wir an einem langen, kargen Holztisch direkt am Fenster platziert wurden.
Wegen der Schlauchartigkeit des Raumes war alles recht gedrängt – viel Bewegungsfreiheit hatten wir mit unseren Stühlen jedenfalls nicht. Hinter uns an der Wand lehnte noch eine Plexiglasscheibe, die wohl während der Corona-Hochphase zwischen Einzeltischen aufgestellt wurde und nun funktionslos ihr Dasein fristete.
Dafür standen auf der Fensterbank dicht gedrängt beeindruckend viele Zimmerpflanzen – wenn ich mich recht entsinne, waren es vor allem Grünlilien. Und sie gediehen prächtig. (Ja, sie waren echt.)
Der Service
Die Bedienung empfing uns professionell freundlich und geleitete uns lächelnd zu unserem Tisch. Sofort lieferte man uns die ringbuchartig gebundenen Speisekarten.
Danach wurde uns zwar alles gebracht, was wir bestellt hatten, aber immer von anderen Personen, so dass nie alle das hingestellt bekamen, was sie bestellt hatten. Es gab also ein fröhliches Hin- und Hergetausche innerhalb der Gruppe. Macht aber nix – wie gesagt, der Laden war brechend voll.
Darunter litt auch die Aufmerksamkeit, die uns das Personal schenkte – ein paar Blicke mehr in unsere Richtung hätten sicherlich die Getränkerechnung signifikant erhöht.
Die Bestellung
Die Speisekarte ist wie oft in asiatischen Restaurants reichhaltig bebildert. Und wie so oft in asiatischen Restaurants haben die Abbildungen wenig mit dem zu tun, was schließlich auf dem Teller vor dir steht.
Etwas nervig war das Design der Karte dennoch.
Vietnam nutzt das lateinische Alphabet (genauer gesagt das Vietnamese Latin Alphabet oder Quốc Ngữ), das über zusätzliche diakritische Zeichen (Akzente und Markierungen) verfügt. Diese Diakritika markieren im Vietnamesischen die Tonhöhe und unterscheiden Vokale. Das musste ich nachlesen, denn leider spreche ich – anders als mein Chef – kein Vietnamesisch.
Nehmen wir mal exemplarisch dieses Gericht von der Karte: Cơm hạt điều. Für mich nicht besonders einfach zu entziffern.
Der Name bedeutet wörtlich »Cashew-Reis«. Nun wäre es cool gewesen, wenn unter dem vietnamesischen Namen einfach diese Übersetzung gestanden hätte. Stattdessen findet sich auf der Karte diese Erklärung:
Cashewnüsse, Brokkoli, Knoblauch, Ingwer, Champignons, Karotten, Zwiebeln, Lauch und Sojasprossen mit Reis (im Wok zubereitet).
Ja, es ist gut zu wissen, was ich alles vom Gericht erwarten kann. Aber mit einem griffigen Namen hätte ich nicht jede einzelne Beschreibung lesen müssen, sondern gleich den Cashew-Reis übersprungen (weil ich an diesem Abend keine Lust auf Cashews hatte).
Zumal sich jetzt das schlechte Design erst richtig bemerkbar machte. Denn die langen Zutatenlisten waren im schwer zu lesenden, beschissenen Font »Zapf Chancery« gesetzt (unter diesem Link zu bewundern). Das ist so eine Art gewollte und nicht gekonnte digitale Schreibschrift, die sich in den 1990er Jahren besonderer Beliebtheit erfreute. Wobei ich ziemlich sicher bin, dass das in der Speisekarte nicht einmal die echte »Zapf Chancery« war, sondern eine billige Freeware-Version. Und die war dann auch noch in kleiner Schriftgröße und engem Zeilenabstand abgedruckt und außerdem auch noch digital schräg gestellt, was die Lesbarkeit noch einmal verminderte.
Aber egal.
Am Ende fand ich eine Vorspeise und einen Hauptgang.
Die Vorspeise: Sommerrolle mit Shrimps

Die Sommerrollen kamen schön dekoriert und angerichtet und in saubere Hälften geteilt bei mir an. Dabei waren zwei Schälchen mit unterschiedlichen Soßen, laut Karte eine Hoisin-Erdnusssoße und eine Fischsoße.
Die Hoisin-Soße war leicht als solche zu erkennen, denn das Hoisin-Aroma war unverkennbar. Allerdings war die Farbe untypisch hell. Hoisin ist eigentlich tiefbraun, fast schon schwarz. Das Erdnussaroma war zwar zu merken, aber viel zu stark im Hintergrund dafür, dass die Soße »Erdnuss« im Namen führt. Die ganze Kreation war darüber hinaus insgesamt unangenehm salzig. Ich hatte das Gefühl, dass hier nicht nur gesalzene Erdnüsse gehackt und hineingemischt worden sind, sondern dann der ganze Bums auch noch ordentlich mit heller Sojasoße verdünnt worden ist. Nicht schön – außer zum Verkosten habe ich die Soße nicht weiter angerührt.
Die als Fischsoße angekündigte, dünne Flüssigkeit hat mich irritiert. Sie war ziemlich säuerlich und durch die eingesprenkelten Chiliflocken leicht scharf. Wer Fischsoße kennt, der weiß, wie sie schmeckt: Sie bringt ein unvergleichliches Umami-Aroma mit. Nichts dergleichen in diesem Fall. Ich hatte das Gefühl, dass ich hier eher einen Reisessig mit Chiliflocken vor mir hatte. Fischsoße ist da vielleicht mal vorbeigeschwenkt worden. Ziemlich enttäuschend.

Aber wenigstens waren die Sommerrollen selbst gut gestopft und ziemlich groß. Gefüllt waren sie hauptsächlich mit Reisnudeln, was sie überaus sättigend machte. Ein wenig Salat war auch dabei, ein dünner Karottenstreifen und ein bisschen Gurke. Und ein einziger Shrimp pro Rolle, schön in der Mitte halbiert, damit jede Rollenhälfte etwas davon hat. Die angekündigte Minze habe ich nicht entdecken oder schmecken können. Aber okay. Dafür gab es jede Menge Koriander, und den liebe ich sehr.
Bewertung
Als Vorspeise fand ich die Sommerrollen beinahe schon zu voluminös, um anschließend noch einen ganzen Hauptgang zu schaffen. Geschmacklich waren sie völlig in Ordnung, die Soßen hingegen haben ziemlich enttäuscht. Aber das hervorragende Preis-Leistungsverhältnis (5,90 Euro) reißt das wieder etwas raus.
Von den vollen 10 Punkten für die Sommerrollen ziehe ich 6 für die vollkommen enttäuschenden Soßen ab, gebe aber 3 für den guten Preis und das schöne Anrichten wieder drauf. So landen die Sommerrollen bei 7 von 10 Punkten.
Kommen wir nun zum Hauptgericht des Abends.
Das Hauptgericht: Cơm Sả Ớt

Der Name bedeutet wörtlich »Zitronengras-Chili-Reis«, aber das habe ich erst im Nachhinein recherchiert. Im Restaurant musste ich mich an die dank der Schriftart schwer zu lesende Beschreibung halten:
Scharf – Brokkoli, Champignons, Karotten, Zwiebeln, Zucchini, Koriander, Zitronengras, Chili und Sojasprossen mit Reis (im Wok zubereitet)
Das Wort »scharf« war rot gedruckt. Und das wollte ich haben. Scharf! Das Gericht sollte mit dem Extra Hühnerfleisch darüber hinaus nur 13,90 Euro kosten – ein wirklich günstiger Preis, wie ich finde.
Das Gericht kam auf einem Teller wie ein 50er-Jahre-Nierentisch, nur ohne Beine. Und mit Reis-Hütchen. Ich musste schon ein wenig schmunzeln.
Der Reis
Fangen wir gleich mit dem Reis an. Abgesehen davon, dass er offenbar von einem Küchentrichter in Form gebracht worden war, fiel mir daran als Erstes auf: ganz schön wenig. Auf den Fotos wirkt es nach mehr Reis als wirklich auf dem Teller war.
Problematischer war eher, dass der Reis offenbar schon etwas länger in dieser Form herumgestanden hatte. Denn außen war er mittlerweile zäh geworden, während er im Innern des Kegels so war, wie Jasmin-Reis halt zu sein hat. Aufgrund der geringen Größe des Kegels war aber sehr viel der Menge zäh und wenig so, wie Reis zu sein hat. Ihn zu essen machte ehrlicherweise keinen großen Spaß.
Darum habe ich trotz der geringen Menge nur etwa die Hälfte des Reis gegessen, und das auch erst ganz am Schluss – siehe beim Abschnitt über die Soße.
Das Hühnerfleisch

Die Extrakomponente im Gericht ist das Hühnerfleisch – mit ihm zusammen heißt das Gericht dann übrigens eigentlich auch Gà xào sả ớt, wobei Gà für »Huhn« steht (was man nicht alles lernen kann!). Aber ich will hier nicht päpstlicher sein als der Papst, denn vom Huhn war eine überraschend großzügige Menge im Gericht.
Das Fleisch war sehr lecker, was an der Marinade liegen dürfte, die traditionell aus gehacktem Zitronengras und Knoblauch, Fisch- und manchmal Austernsoße, ein wenig Zucker für die Karamellnote, Chili und Pfeffer für den Bums besteht. Ob diese traditionelle Marinade auch hier zum Einsatz gekommen ist, bleibt natürlich im Nebel des Stir-Fry-Gerichts.
Es handelte sich um Hühnerbrust – ein klassischer Fehler, weil Brust schnell trocken wird. Niemand außerhalb Deutschlands glaubt, dass die besten Teile des Huhns die Brust wäre! Trotzdem war das Fleisch überaus zart, sodass ich annehme, dass es mit Natron velvetisiert worden ist. Obwohl das eine chinesische Kochtechnik ist.
Das Gemüse

Wie ich mir habe erläutern lassen, habe ich eine sehr typisch westliche Restaurant-Interpretation des Gerichts erhalten.
Das echte vietnamesische Gà xào sả ớt soll laut vietnamesischer YouTube-Rezeptvideos, von denen ich kein Wort verstanden habe, ein ziemlich trockenes Gericht sein. Eigentlich besteht es nur aus Hühnchenfleisch, viel Zitronengras und Chili. Alles wird stark eingekocht, bis kaum noch Flüssigkeit übrig ist. (Ein Beispiel findest du unter diesem Link: https://www.youtube.com/watch?v=TGsuh2sb5J8 – Hier gibt es auch ein englisches Transkript. Das hat mir so viel Spaß beim Zugucken gemacht, dass ich das unbedingt selbst ausprobieren will. Nur führt mein Dorf-Supermarkt einfach kein Zitronengras. Also muss ich mal wieder mit dem Bus in die Großstadt tuckern.)
Brokkoli, Karotten und Zucchini in diesem spezifischen Gericht sind unüblich. Hierzulande wird aber anscheinend ein beliebiger Mix irgendwelcher Gemüse erwartet, damit es eine »vollständige Mahlzeit« ist. Zudem mögen es deutsche Gäste anscheinend »soßiger«, damit der Reis nicht trocken ist. Aber mein ganzes Gericht schwamm förmlich in einer dünnen roten Soße, zu der ich gleich noch komme.
Ehrlich: Was deutsche Durchschnittsgäste erwarten, wenn sie in ein vietnamesisches Restaurant gehen, ist mir piepsegal. Denn ich erwarte, in einem vietnamesischem Restaurant auch ein vietnamesisches Gericht zu bekommen, keine beliebige Fantasieküche mit fancy vietnamesischen Schriftzeichen.
Darüber hinaus muss ich meckern. Denn der Brokkoli war dermaßen salzig, dass ich dem Koch oder der Köchin ein wunderbares Liebesleben voraussage. (Was ich ihm oder ihr von Herzen wünsche! Aber der Brokkoli war echt kacke.)
Der Grund meiner Bestellung war ja, dass ich es scharf haben wollte. Leider war das Gericht kein bisschen scharf, trotz offensichtlicher Chili-Flocken. Also habe ich mich erneut enttäuscht, aber brav durch den Berg Fleisch und Gemüse gegessen, bis ich nach ganz unten kam, wo sich die Soße gesammelt hatte.
Die Soße
Die Soße war ölig und dünnflüssig. Vielleicht konnte sie deshalb nicht an den einzelnen Komponenten des Bergs an Gemüse und Fleisch haften bleiben und sammelte sich am Boden. Aber je tiefer ich zu diesem Boden des Nierentisch-Tellers vordrang, desto mehr merkte ich: Schärfe! Nicht feurige Schärfe natürlich. Aber immerhin etwas. Angenehm. Auf einer Skala von 0 bis 10 würde ich sagen: eine gute 5. Den deutlichen Warnhinweis in roter Schrift rechtfertigte der Schärfegrad der Soße dann doch nicht.
Mein Problem war nur, dass nun lediglich noch der zähe Reis auf meinem Teller lag, um die Soße zu genießen. Also habe ich es ziemlich schnell aufgegeben und meine Gelüste nach Schärfe blieben an diesem Tag unbefriedigt.
Worum es sich genau bei der Soße handelte, konnte ich natürlich nicht herausfinden – das ist einfach schwierig bei Stir-Fry-Gerichten. Möglicherweise war Chili-Öl beteiligt, wenn auch nicht besonders viel.
Generell war die Soße ansonsten recht salzig. Vermutlich hat hier der Brokkoli sein Unwesen getrieben.
Bewertung
Der lustige Trichter-Reis sah nur lustig aus und war ansonsten eine sehr traurige Angelegenheit. Der kriegt von mir 1 Punkt für die Präsentation, aber das war’s dann auch.
Das Fleisch war fein gewürzt und damit geschmacklich sehr gut, wobei ich gern auf Velvetisierung von Hühnerbrust verzichte und stattdessen lieber Schenkel nehme. 7 von 10 Punkten.
Das Gemüse litt unter dem versalzenen Brokkoli und generell der wilden Mischung europäischer Gemüsesorten, die (wie ich erst im Nachhinein erfahren habe) nichts in diesem Gericht zu suchen haben. Aber konkret war es abgesehen vom Brokkoli lecker und sättigend. 7 von 10 Punkten.
Die dünnflüssige, ölige Soße, die erst ganz am Schluss ihre milde Schärfe entfaltete, war für mich das Highlight des Gerichts, wenn man das so sagen kann. Und nicht einmal die erreicht die volle Punktzahl, sondern nur 8 von 10.
Immerhin gab es wieder eine schöne Ladung Koriander, und den günstigen Preis will ich auch nicht unterschlagen – viel Sättigung für wenig Geld.
Handwerklich gebe ich diesem Hauptgericht 6 von 10 Punkten, unter Berücksichtigung des Preises aber sogar eine 7 von 10.
Das Fazit
Mein Besuch im Cây Tre hinterlässt gemischte Gefühle. Wer authentische vietnamesische Küche sucht, die über das übliche »Pan-Asien-Restaurant-Erlebnis« hinausgeht, wird hier vermutlich enttäuscht sein. Das Restaurant scheint sich stark an einen westlichen Durchschnittsgeschmack angepasst zu haben – mit viel Soße, viel buntem Gemüse und wenig Mut zur Originalität.
Handwerklich war das Essen weitestgehend okay, aber die Diskrepanz zwischen meiner Erwartung (vietnamesische Küche) und der Realität (eingedeutschtes Allerwelts-Wok-Gericht) war zu groß. Die enttäuschenden Soßen bei der Vorspeise und der lieblose, zähe Reis beim Hauptgericht trüben mein Bild zusätzlich.
Was hingegen für das Cây Tre spricht, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis. Für knapp 14 Euro bekommt man ein sättigendes Hauptgericht mit reichlich Fleisch in einer sehr zentralen Bonner Lage. Wer einfach nur satt werden will und keine kulinarische Reise nach Hanoi erwartet, ist hier richtig. Für mich persönlich war es jedoch zu wenig authentisch und zu viel »Standard-Asiate«, weshalb ich wohl nicht wiederkommen werde.